Vespa – auch mit 75 immer noch eine geiler Feger mit Wespen-Taille

von CHRISTIAN NIKOLAI

Dass die Vespa dieser Tage ihren 75. Geburtstag feiert, hat der eine oder andere sicher schon gelesen. Die toskanische Heimat in Pontedera und die Anfänge alles „Papperino“, die Auftritte in zahllosen Schmachtfetzen, unzählige Umrundungen des Collosseums in Rom – das alles wurde sicher schon erzählt. 

Der Autor auf seinem Schmuckstück. Quelle: Privat

Die meisten von uns haben ein romantisch verklärtes Bild von der kleinen Italienerin mit ihren satten Rundungen, dem dicken Hintern und der heiseren Zweitakt-Knatterstimme, die sich im Laufe der Jahre kaum verändert hat, bis in den 90ern langsam und allmählich Viertaktmotoren Einzug unter der rechten Backe dieses Jahrhundert-Rollers hielten.

Viele Modelle kamen und gingen – das Grundprinzip blieb allerdings stets erhalten. Im Gegensatz zu Motorrädern, auf denen man nur im Lederkombi eine einigermaßen gute Figur macht und sich aber trotzdem den Spann des linken Schuhs beim Schalten verhunzte, konnte man auf der Vespa elegant oder sportlich – aber immer in Alltagskleidung unterwegs sein. Geschaltet wird heute zwar bei keiner Vespa mehr, aber bis zur Cosa – dem modernisierten Ableger der PX-Baureihe – wurden die vier Gänge per Drehgriff durchgeschaltet. 

Langstreckentauglich: Bis zum Stilfser Joch, Quelle: Jürgen Tischer

Da im Gegensatz zur zumeist asiatischen Konkurrenz die Vespa heute auch noch aus Blech gebaut ist, unterscheidet man die klassischen und modernen Vespas durch das Getriebe, statt zwischen „Blech- und Plastikroller“. Eine klassische Vespa – egal ob frühe Wideframe, oder spätere Large- und Smallframe – ist immer ein Schaltroller.

Die Schaltroller mit ihrem Komfort und der Möglichkeit, elegant gekleidet auf zwei Rädern unterwegs zu sein, waren Anfang der 60er Jahre daher „der heiße Scheiß“ bei den Jugendlichen in London. …aber nicht bei irgendwelchen Jugendlichen! Die barbarisch daherkommenden „Rocker“ fuhren mit ihren Triumph oder Norton Café -Racern gerne mal im Ace Café vorbei, wo sie lederknarzend mit einem Pint in der Hand und drei Pfund Pomade in den Haaren grunzend gegenseitig ihre Maschinen bestaunten.

Der Mod war anders. Er trug Anzug; stets mit Schlips; alles auf der Carnaby Street gekauft. Damit der Look nicht verdreckte, trug der trendige Subculture-Teen dieser Zeit immer einen mit etlichen Aufnähern von „The Who“; Royal Airforce Targets und UK-Flaggen gespickten Fishtail-Parka drüber und fuhr vor allem „Scooter“! Vespa, oder Lambretta. Während die Lambretta eher einem Golf entsprach, war die Vespa – vor allem die GS – die S-Klasse des stilbewußten Mods. 

Alpentauglich: Jürgen Tischer bei seinem Vespa-Trip über die Alpen.

„Roller und Parka. …hhmm ziemlich uniform“, dachten sich dann wohl irgendwann mal einer der Jungs im Parka und schraubte einen zweite Spiegel an die Vespa. „Spiegel? …kann ja jeder! Nebelscheinwerfer sind total hip!“ war dann die Reaktion von Jimmy nebenan und so ging das immer weiter und weiter, bis die Scooter vor lauter Spiegeln, Scheinwerfern und Chrom-Gedöns kaum noch von der Stelle kamen. 

Um einmal im Jahr zum traditionellen „Gegenseitig-aufs-Maul-hauen“ mit den Rockern die Strecke nach Brighton bewältigen zu können, half also nur Tuning. Bei den Fahrern leider auch – sie schluckten Amphetamine, wie das Krümelmonster Kekse.  Die Parties in Brighton, wo auch „the Who“ vor ihren Jüngern auftraten, waren legendär und eher eine wilde Orgie. Die Vespas wurden aber trotzdem vorher akkurat in Reih und Glied vor dem Ballroom geparkt, wo der „Allnighter“ stattfand.

Locker und Luftig: Fast schon zuhause. Credits Jürgen Tischer

Die Kultur der Mods war zäh und erlebte Ende der 70er ein Revival durch den Kultfilm „Quadrophenia“, in dem übrigens auch der junge Sting die Rolle des „Ace Face“ spielte. 

In meinen jungen Jahren Mitte der 80er war mir der sozialkritische Plot eher egal. Ich wollte Roller sehen, fahren und gehörte zu der 3. Generation der Vespa-fahrenden Subkultur seit den frühen 60ern. „The Who“ war nicht so mein Ding – ein Roller, der aussah, wie ein Kirmes-Karussell auch nicht. Mir standen die als Hybrid aus Mods und Skinheads hervorgegangenen Scooterboys näher. Die Roller waren nackter; teilweise sportlich mit der Flex bearbeitet, die Haare Kürzer und statt der Mod-Kutte trug man Bomberjacke; ebenfalls übersät mit „Patches“ genannten Aufnähern. 

Der Scooterboy sah seine Vespa auch weniger als „Bling-Bling-Statussymbol“ – es drehte sich vielmehr alles um den Roller, weshalb die Ausfahrt der Party im Zweifel vorgezogen wurde. Mit Zelten bei Regen und im Dreck; egal: Hauptsache, es ging ums Rollerfahren.

Credits: Jürgen Tischer

Es schmerzte übrigens sehr, dass die schnöseligen Popper inzwischen auch die Vespa für sich entdeckt hatten und optisch zu Sascha-Hehn-Golf-Cabrio Lookalikes aufmotzten und Lautsprecher und Autoradio in die Handschuhfächer einbauten. 

Mit dieser schlechten Reinkarnation der Mods hatten wir natürlich nichts zu tun und gingen lieber – zumindest, wenn man in Ruhrgebiet wohnte – mittwochs abends in Siggy´s Kalei auf Ska und Rocksteady „tanzen“, bzw. rumzappeln, wie ein Duracell-Hase auf Speed. Auch wir parkten natürlich unsere Vespas in Reih und Glied. Es wurde auch ständig geschraubt, geputzt und optimiert (…oder „kaputtgebastelt“, wie mein Vater mir damals immer grinsend über die Schulter lästerte).

Die Vespa ist ein Zweirad, das eigentlich gegen jedes Motorrad in jeder Disziplin verliert. Die Liebe zu ihr – und das ist sehr ähnlich der Liebe zum VW Käfer – währt aber ewig. Ich habe in meinem Leben drei Vespas besessen und mit ihnen unzählige, schöne Stunden erlebt! 

Auch geeignet für einen Familienausflug. Credits Jürgen Tischer

Natürlich habe ich auch heute immer noch eine Vespa in der Garage. An einem lauschigen Sommerabend gibt es für mich nichts Schöneres, als mit der Süßen auf dem Rücksitz durch den Niederrhein zu knattern und mitleidig den in schwarze Leder-Wurstpellen gequetschte und auf japanischen Saftpressen kauernden Bikern hinterherzugucken, wenn sie einen sägend laut auf der Landstraße überholen.

Die einzige Alternative wäre eine Harley, aber die Messlatte liegt verdammt hoch…

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