Roadtrip to Venlo – Tante Annis Audi, Pommes & ½ Kilo weißes Pulver!

von CHRISTIAN NIKOLAI 

Tim war schon immer mein engster und bester Freund. Mit niemandem habe ich auch nur annähernd ähnlich witzige, abenteuerliche und auch  völlig absurde, filmreife Dinge erlebt, wie mit ihm. 2022 jährt sich unsere Freundschaft zum 40. Mal. Eigentlich wäre das der passende Anlass, die  folgende Geschichte zu erzählen – aber Corona macht alles anders. Ich muss zugeben, der alte Knabe fehlt mir sehr hier in meinem Pandemie Hausarrest, der mich fühlen lässt, wie ein russischer Dissident in den 80ern (…keine Sorge, ich habe nicht das Jana-aus-Kassel-Syndrom). Wenn  die Süße tagsüber weg ist und die Kinder am Home-Schooling Bildschirm in ihren Zimmern sitzen, spreche ich mit den Katzen – und warte auf  Antwort. Außer Supermarkt, Dursti-Markt und ab und zu die Tanke bekomme ich kaum noch etwas da draußen mit. 

Heute hatte ich ausnahmsweise mal wieder einen (Corona-konformen…mit genügend Abstand…, Ihr wisst schon!) Außentermin. Auf der Fahrt über  die Januar-Regen-nasse A31 nach Dorsten zu meinem Termin erinnerte ich mich an eine Fahrt bei ähnlichem Wetter vor über 30 Jahren. Wie auf  so vielen Fahrten damals war Tim dabei. Besser gesagt: Ich war dabei, er fuhr – im Winter 1988/1989 hatte ich nämlich noch gar keinen  Führerschein. Wir fuhren nach Venlo; aber der Reihe nach: 

Ein paar Tage vorher rief Tim mich auf dem moosgrünen, analogen Wählscheibentelefon an, das meine Eltern im Flur stehen hatten – ich wohnte  damals noch zuhause: „…komm mal rüber; ich habe die Karre von Tante Anni geerbt. Voll geil – 100 PS!“ Die Karre war ein Audi 100 Coupé (bzw.  Zweitürer) der Baureihe C43. Ich kenne mich mit Audi weniger aus, als mit Mercedes. Die Audi-Profis mögen mir also nachsehen, dass mir nicht  bekannt ist, dass der Zweitürer ein D43, C43ZT, oder was weiß ich ist. Mit meiner Vespa fuhr ich die 800m zu Tim rüber – hätte man auch laufen  können! Tim stand schon mit seinen damals hipen, unverzichtbaren, bis zum Get-No runtergelatschten Cowboystiefeln im Wendekreis seiner  Straße vor einem Anananas-fruchtfleisch-farbenen Audi mit grünen Veloursitzen, Schmutzfängern und irgendwelchem Oma&Opa-Häkel-Krempel  auf der Hutablage. „…will´zen damit?“ fragte ich, während der Zweitakter austuckerte und ich abstieg. „…n´paar Tage fahren und dann  verbimmeln. Von der Kohle kann ich mir dann den Munga kaufen!“ (ACHTUNG: Potential für neue Story: „DKW-Munga: Abgerostete Lampe einstellen  mit Faserspachtel und festhalten, bis er hart geworden ist.“)  

Ich schweife ab. Zurück zum Ananas-Audi. „Keule, komm, wir fahren nach Venlo Pommes essen!“ …war Tims Idee. Falls jetzt jemand aus dem Nicht Ruhrgebiet zwei Atze Schröders aus Essen Kray vor sich sieht: Nein, das waren wir nicht! Wir waren cool, wohnten aber auf der eher dörflichen  Heimaterde und wir sind heute weder Trinkhallenbesitzer noch deren Dauer-Abo Gast. Tim ist sogar erfolgreicher Anwalt geworden. Ich schweife  schon wieder ab!  

Aber back to Venlo-Pommes mit Audi: Wir fuhren los und waren schwer begeistert, wie sportlich der Audi fuhr. Klar, wir kannten ja ansonsten  nur Käfer, Kübel, Vespa und sonstige Krampen mit max. 40PS. Anders als im heutigen Schengen-Raum, wurde damals an der holländischen Grenze  noch kontrolliert. Normalerweise erst bei der Rückreise, weil der Zoll es ziemlich interessant fand, ob deutsche Rotzlöffel breit wie eine  Schrankwand mit Naturprodukten als Souvenir aus einem der vielen Kaffee-Geschäfte (…so sagt man, glaube ich, oder?) über die A40 zurück ins  Ruhrgebiet fuhren. Wir rechneten also mit einer Kontrolle – aber nicht jetzt schon. Nachdem ein fröstelndes Männchen in Uniform uns hektisch  mit der Kelle zugewinkt hatte, wies er uns umgehend einen Parkplatz direkt am Grenzübergang zu. Spät-Pubertierende mit Zopf, ärmellosem  Holzfällerhemd über lässigausgeleiertem Schießer-Feinripp-Unterhemd, Cowboystiefelnund „Du-kannst-mir-gar-nix-Bulle“-Grinsen sind abends  an der holländischen Grenze stets gern gesehene Gäste, die auch bei Bedarf von den diensthabenden Zöllnern eine Gratis-Darmspiegelung  spendiert bekommen, wenn sie gut drauf sind. Der Kelch ging gottseidank an uns vorbei, also wir fingen eine zwanglose Plauderei an: 

Holland: 

Wir: 

Chuddn Aavend, Ausweijse un Fahrzeugpapieren biddä!  

Kein Problem – bitteschön! 

Bedankt! Kunnen se mahl die Kofferraum aufmache? 

Soooo, Kofferraum! Warndreieck ist auch hier. Sonst noch was? 

Cha…äh. Machen Sie mich auch mal die Hendschühfach auf? 

Ja klar, bitte! 

Holländische Taschenlampe: „Leucht, leucht“! 

Lichtkegel: „Plastikbeutel mit 500g weißem Pulver gefunden!“ 

Deutsche Gesichter: schneeweiß 

Rest: Sprache und Motorik abgeschaltet. 

„heij – die Schlüszel hergeijben, Hände auf die Armaturentafelche – aba chanz langzam…“

Wir wussten, dass Tante Anni ab und zu mal einen Doppelherz mehr trank, als sie sollte. Wir wussten auch, dass sie vielleicht mal aus Versehen  eine Zucker-Tablette zu viel nahm. …aber Koks? Wir kannten das jedenfalls nur aus dem gleichnamigen Lied von Eric Clapton. Jetzt muss man  fairerweise erwähnen, dass Tante Anni das Auto, das eigentlich vorher ihrem Mann Onkel Wolfgang gehörte, nicht gaaaanz freiwillig abgab.  Nachdem zunächst Onkel Wolfgang ein paar Jahre zuvor mit sein knapp 90 vor dem Zubettgehen beim „netten Fräuleinvon der Rezeption“ (Tante  Anni) noch das Hotelzimmer bezahlen wollte, war klar, dass Autofahren für ihn sowas wie ein Kamikaze-Flug war. …nur halt ohne Landkarte oder  einer Idee, wofür die ganzen Hebel und Pedale gedacht waren. 

Ein paar Jahre später in ihren Mitte-Achtzigern fing dann auch Tante Annian, nicht mehr vollständig jedem Gespräch bis ins kleinste Detail folgen  zu können und gelegentlich während laufender Unterhaltung – dreimal hintereinander – nachzufragen, wer man denn eigentlich sei. …also auch  Schluss mit Autofahren – sicher ist sicher! Grundsätzlich war also alles möglich. Wer weiß, was der Arzt ihr verschrieben hatte! Egal, was: Es wäre leider niemandem abends an der holländischen Grenze als glaubwürdige Geschichte zu verkaufen gewesen.  

Wir waren unschuldig, aber verloren und hatten keinen Schimmer, was in dem Beutel war. All das ging Tim und mir durch den Kopf, während wir  kreidebleich und zitternd im schlüssellosen Audi saßen. Die Scheiben beschlugen von unserer Schnappatmung. Der Grenzer hatte nämlich wenig  Vertrauen und bat uns noch, wie bereits ausgeführt, höflich um die Autoschlüssel. 

In den 20 Minuten, die uns wie drei Stunden vorkamen, versuchten wir uns trotzdem irgendwie zurechtzubiegen, wie denn zwei deutsche  Pickelbacken an ein halbes Kilo Koks kommen und was sie damit freitagsabends in Venlo wollten. Alle Sätze, mit „Wir können ja auch sagen, dass…“ fingen genau an der Stelle an, keinen Sinn mehr zu machen. Darauf folgte dann meist:“…oder wir sagen…“  

So ging das die ganze Zeit, während wir kurz vorm Einnässen in unseren Sitzen immer kleiner wurden. Während des lustigen „Ja-was-sagen-wir denn-schönes?“-Spielchens guckten wir rüber durch das Fenster direkt auf den Service-Counter in der Zoll-Bude. Mehrere Uniformierte  hantierten mit Tante Annis Beutel rum, schmierten sich den Inhalt an die Lippen, schmatzten danach ein wenig rum und guckten anschließend ratlos aus der Wäsche. 

Uns ging der Stift 1:100.000! Irgendwann bei Tims letztem „….nä, ich weiß jetzt: Wir sagen einfach…“ riss jemand die Tür auf: Der holländische  Zöllner! Ich kniff die Augen zu, weil ich auf das Klicken von Handschellen wartete. Stattdessen fing der Zoll-Beamte an, sich halb totzulachen: „Die Tüte könne Sie wieder mitneijhmen. Dat is Kreide!“ 

Kreide! Wir haben an alles gedacht. An alles. Aber nicht an Kreide! Onkel Wolfgang war pensionierter Patent-Anwalt, bis ins Rückenmark korrekt  – und muss wohl in den 70ern ein Fan des 7.Sinns gewesen sein. Da wurde nämlich irgendwann mal erzählt „Für den Fall der Fälle halten sie  immer ein Stück Kreide griffbereit. Wenn es mal bummst, können Sie so für die Polizei aufzeichnen, wer wo stand und dann die Kreuzung räumen“.  Weil er nicht nur korrekt, sondern hyper-korrekt war, konnte der Tipp nach der Devise „viel-hilft-viel“ schnell umgesetzt werden und so landete  eine Großhandelspackung weißer Kreide im Handschuhfach. Bei seinem und Tante Annis Fahrstil wurden die eckigen Stückchen so an jeder Ampel  über die Jahre immer feiner gemörsert, bis in der Tüte nur noch feines, mehliges Pulver übrig war. Dass es Kreide war, erkannten die Zöllner übrigens nicht nur am Geschmack, sondern auch am noch im Beutel enthaltenen Packpapier der Schreibinstrumente! 

Venlo – jetzt waren wir schon einmal da; also sind wir natürlich auch Pommes essen gegangen! Aus lauter übermütiger Lebensfreude sogar das  traditionelle, holländische Festtagsessen Patat-Pinda-Frikandel-Special&eijn-Chocomel (Pommes-Melange mit Erdnuss-Sauße als Beilage, an  Schlachtabfällen a lá Bratrollé und Mayo-Ketchup-Jus im Konflikt mit Zwiebel-Topping. Dazu gereicht wird eine Jahrgangs-Dose Kakao Kondensmilch). Das Leben kann so schön sein! Und wenn schon sich selbst vergiften in Holland, dann nur durch die lekkere, regionale Küche! Finger weg von den Drogen, Kinder! 

Tot ziens, Euer Christian

hristian Nikolai war über 20 Jahre in der Zentrale der Daimler AG und bei Mercedes-Benz Händlern in verschiedenen Funktionen im Marketing, Vertrieb sowie mit dem Aufbau von ClassicPartner Sparten beschäftigt. Heute ist Christian als freiberuflicher Unternehmensberater mit seiner Firma „RaumLenker MotorConsult“ tätig, die sich unter dem Leitbild „Zukunft braucht Herkunft“  auf die Entwicklung von Kommunikations- und Vertriebskonzepten für die Automobilindustrie spezialisiert hat. Außerdem engagiert sich Christian für Jatropha Öl, das als nachhaltiger Bio-Kraftstoff das Überleben des Dieselmotors sichern kann. Er schreibt regelmäßig für Online-Formate Artikel zu unterschiedlichen Automotive-Themen.

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