Die Mär von der Oldtimerschwemme!

von CARL CHRISTIAN JANCKE

Alle Jahr wieder kommt ein Autojournalist (oder einer, der sich dafür hält) daher, schielt auf die Produktionszahlen der 80iger und 90iger Jahre und prophezeit eine Oldtimerschwemme der Billigheimer, die dann umweltschädlich mit hohen CO²-Zahlen und H-Kennzeichen die saubere Luft der Umweltzonen verpesteten. Doch leider sind die Autos auf der Welle meist verrostet oder einen anderen Tod gestorben. Es gibt sie schlicht nicht mehr. 

Dieses Mal ist es Holger Preiss, Ressortleiter Auto und Mobilität bei ntv, der sonst den Hyundai i30 Kombi testet oder im Mercedes GLB Buchstabensalat entdeckt: “kleines B aus großem S”. Auf seiner Autorenliste findet sich nur eine Geschichte über alte Autos. Und die strotzt vor Fehlern und falschen Aussagen. Autobild Classic Chefreporter Frank B. Meyer weist dem armen Mann 17 Fehler von der Verwechslung der Bilder von VW Golf I, II und III bis zur Höhe der Kfz-Steuer für H-Kennzeichen nach. Hier nachzulesen. Doch das ist noch nicht alles.  Schuster, bleib bei Deinen Leisten. 

4,7 Millionen Golf III seien produziert werden schreibt er. VW sagt 4,96 Mio. Autos, von denen die allerersten im nächsten Jahr H-Kennzeichen-fähig werden. Die Zahl relativiert sich sofort, wenn man bedenkt, dass der Golf nicht nur in Deutschland gebaut wurde und schon gar nicht nur in Deutschland verkauft. Allerhöchstens die Hälfte der gebauten Fahrzeuge dürften überhaupt in Deutschland zugelassen worden sein. Doch der Bestand hat sich auch so seit Produktionsende 1997 deutlich dezimiert. 

60.000 Golf II waren in Deutschland 2018 noch zugelassen. 

Der Autor mit einem Golf II im Rallye-Einsatz Credits privat

Das zeigt das Beispiel Golf II, den Preis auch als Sparbüchse und “Daily Driver” empfiehlt. Bei Motortalk hat ein User die Zulassungszahlen des VW Golf II aufgelistet. Von mehr als 6 Millionen Stück waren 2008 noch fast 400.000 Autos in Deutschland zugelassen. 2018 durften  noch knapp 60.000 Golf II  auf Deutschlands Straßen fahren. Und seitdem dürfte sich die Zahl weiter reduziert haben. Von der ins Auge gefassten 75 PS Variante waren 2018 noch ganze 1904 in Betrieb.  Innerhalb der letzten 10 Jahre sind nach Berechnungen des Users 85% des Fahrzeugbestandes aus der Zulassungsstatistik verschwunden. Diese Entwicklung hat sich auch seit 2013 fortgesetzt, als erste Exemplare über 30 Jahre alt waren. Mittlerweile dürfte der Rostfraß sicher auch 10-20.000 Golf II dahin gerafft haben. 

Golf II nur knapp unter den TOP 10 der H-Kennzeichen-Träger

Der Autor am Steuer eines Golf I Quelle: Hardy Mutschler

Der meistzugelassene VW-Oldtimer (und das auch überhaupt) ist übrigens der VW-Käfer, von dem rund 40.000 Autos ein H-Kennzeichen tragen dürfen, gefolgt vom VW Bus T3, von dem fast 10.000 Autos auf Deutschlands Straßen fahren dürfen. Auf Platz drei und vier befinden sich übrigens der Mercedes SL (R107) mit 21.000 Exemplaren und der Porsche 911, der es auf rund 19.000 H-Zulassungen bringt. Das sind keine Schnäppchen.

Golf I und II kommen zusammen gerade mal auf 8.136 Exemplare und müssen sich sogar von den ersten beiden Baureihen des Dreier-BMW geschlagen geben, die 300 mehr H-Zulassungen verbuchen können. Von Golf I und II wurden zusammen übrigens weltweit 13 Millionen Exemplare gebaut. Eine Korrelation zwischen Stückzahl und H-Kennzeichen gibt es also nicht. 

Irreführende CO² Werte. 

“So darf ein Golf III mit 90 PS Benzinmotor auch heute noch einen CO2-Ausstoß von 275 g/km haben. Nur zum Vergleich: Seit 2020 wurde der Grenzwert bei Neuwagen auf durchschnittlich 95 g/km festgelegt.” schreibt Preiss, um die Klimaschädlichkeit des Oldtimers zu belegen. Was er darf, tut er aber nicht. Die 90 PS-Variante, die laut Wikipedia übrigens nur in der teuren und seltenen Allradvariante “Syncro” zu haben war, wird bei Wikipedia mit 192 g/km angegeben, die empfohlene 75 PS-Motorisierung schlägt mit 173 g/km zu Buche. Das sind fast 100 g/km weniger als von Preiss behauptet. Der 90 PS Diesel (ab 1993) emittiert übrigens laut Wikipedia nur 135 g/km. Und weil die Diesemoltoren robuster sind, dürften die auch leichter überlebt haben. Obendrein verbraucht der Diesel weniger Sprit. Für den Fall, dass man eine Sparbüchse sucht. 

Übrigens hatten seit Mitte der Achtziger Jahre fast alle neu zugelassenen Benziner einen geregelten Kat an Bord, weil der steuerlich gefördert wurde.

Kaum Vorteile bei Steuer und Versicherung

Das H-Kennzeichen rechnet sich in den allermeisten Fällen nicht. Zunächst werden wirklich nur Autos zugelassen, die mindestens die Zustandsnote 3 haben und dafür steht gerade bei den Helden des Alltags wie dem Golf oder dem von Preiss genannten Opel Kadett/Astra heftige Restaurierungs- und Instandsetzungsarbeiten an. Und die übersteigen schnell den Fahrzeugwert um ein Vielfaches. 

Dazu kommt, dass das Auto eben mit H-Kennzeichen nicht als daily driver bewegt werden soll, wenn es nach dem Gesetzgeber geht. Auch wenn das natürlich schwer kontrolliert werden kann. Wäre das ein Massenphänomen, dann kämen die Zulassungsbehörden bestimmt auf die Idee, ein Fahrtenbuch vorzuschreiben. 

Nachdem die Steuern sich nach der Schadstoffklasse richten, ist die Pauschalbesteuerung nicht einmal für H-Kennzeichen attraktiv, ein neueres Auto kommt da wesentlich billiger. Und auch bei der Versicherung kommt man nicht so günstig weg. Zunächst, weil fast alle Versicherungen als Voraussetzung ein Alltagsauto im Haushalt voraussetzen. Und zum zweiten nennt Preiss nur die Haftpflicht, die mit 50 Euro zu Buche schlage. Hinzu kommt aber noch die Teilkasko-Versicherung, für die der Versicherer schon mal ein Wertgutachten fordert, das auch den Zustand des Autos bewertet. Dafür werden mindestens 100,00 Euro fällig.

 

Unterhalts- und Reparaturkosten unterschlagen

Die Herausforderung einer Panne gehört zur klassischen Leidenschaft. Hier war es die Benzinpumpe. Quelle privat

Man muss das Auto nicht nur in einen ordentlichen Zustand bringen, um ein H-Kennzeichen zu bekommen, sondern man muss es in einem solchen halten, wenn der TÜV alle zwei Jahre dieses nicht aberkennen soll. Das kann er nämlich, wenn der Zustand sich verschlechtert. 

Und an diesen Autos nagt nicht nur der Rost der Zeit. Sie unterliegen dem Fluch der Vergänglichkeit auch bei porösen Gummis etwa von Zylinderkopfdichtungen, matt werdenden Scheinwerfern, defekten Turboladern, hört es nicht auf. Wer ein altes Auto fährt, weiss. Es geht immer was kaputt. Mal ist es ein Detail, mal kann es richtig teuer werden. 

Und die von Preiss erwähnten neuzeitlichen Extras wie Airbag und ABS können sich auch noch als Kostenfalle erweisen. Denn die brauchen Steuergeräte und Sensoren. Und die Haltbarkeit von Platinen ist grenzwertig. Die altern selbst, wenn das Auto gar nicht fährt. 

Und gerade in den 90igern begann der Fluch des Fehlerspeichers. Per Diagnosestecker geht der Mechatroniker auf Fehlersuche, statt wie früher mit einem Blick unter die Motorhaube, ein paar Stößen am Gaszug, dem Ruckeln an bestimmten Teilen, einem guten Gehör und einem Schraubenschlüssel ein Problem zu lösen. Das kann dem Sparbüchsengedanken schnell den Garaus machen. Komponententauschen ist einfach, spült aber ordentliches Geld in die Konzernkassen.  Wo früher eine Blinkerleuchte ausgetauscht werden musste, sind heute ganze LED-Batterien fällig. 

Fazit

Helden des Alltags. Hier Fiat Panda, die tolle Kiste. Quelle. Hardy Mutschler.

Die Fahrt der Protestler in den Dannenröder Forst produziert im Zweifel mehr CO² wie der Betrieb von 100 klassischen Automobilen oder 20 Oldtimer-Rallyes. Gerade die alten Massenautos wie der Fiat Panda oder der Ford Escort gehören darüber zu den gefährdeten Arten. Ihr Wert sinkt so schnell und tief, dass sie auf dem Schrottplatz landen, weil sich eine Reparatur nicht lohnt. Deshalb werden die Bestände immer weiter minimiert. 

Zwischen dem Erhaltungsaufwand und dem absoluten Wert eines klassischen Automobils besteht eben ein Zusammenhang. Und das ist der Grund, warum die alten Helden des Alltags, die Arbeitstiere und die Stammgäste auf der linken Autobahnspur in der Regel einen frühen Tod sterben. Wir sollten um unserer mobilen Geschichte dankbar für die Menschen sein, die diese mobile Tradition erhalten, obwohl sich das eigentlich gar nicht lohnt. Und nicht mit ungarem Unwissen (von halbgaren Halbwissen kann man nicht sprechen) an die Kandarre fahren. 

Gute Fahrt.

Titel: Caroline Jäckel/Volkswagen Classsic

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