Hirtenbrief von Herbert Diess

Von CHRISTIAN NIKOLAI

So wie die Bischöfe der katholischen Kirche durch das Versenden von Hirtenbriefen den Glauben ihrer Schäflein immer wieder zu festigen versuchen, praktiziert dies auch der Bischof bzw. Vorstandsvorsitzende der Volkswagen AG, wenn es um die Festigung des Glaubens seiner Kunden an die allheilsbringende Elektromobilität geht. Herbert Diess greift dazu aber nicht zu Federkiel und Büttenpapier, sondern bedient sich – dem Zeitgeist entsprechend – zahlreicher Social Media Kanäle.

Der von ihm kürzlich gepostete Hirtenbrief enthielt eine Leseempfehlung für einen im CICERO erschienenen Artikel von Robin Engelhardt, einem 21-jährigen Teilzeit-Journalisten, Praktikant und Elektroauto-Vermieter. Herr Engelhardt ist bekennender Elektromobilitäsjünger, der auf seiner Website www.robin-engelhardt.de von sich selbst sagt, früher (…also irgendwann zwischen zweiter und fünfter Klasse), nie Interesse an Autos gehabt zu haben. Sein Schlüsselerlebnis war laut eigenem Bekunden die erste Mitfahrt im TESLA seines Vaters und so wurde kurze Zeit später die familieneigene E-Auto Vermietung gegründet.

…huiuiui – da schluckt man als Leser erstmal, zumal bereits im Text des Posts wie der Überschrift des Artikels Technologieoffenheit subtil infrage gestellt wird (…da doch schließlich der einzig wahre Pfad der Tugend in Form der Alleinherrschaft des Elektroautos längst beschlossene Sache ist und jeder, der das nicht glaubt, ein Depp sein muss!)

Herr Engelhardt hat einen – stilistisch – durchaus lesenswerten Artikel abgeliefert, jedoch ein paar „Kleinigkeiten“ vergessen. Außerdem scheint er die doppelte Verneinung und die Gesetze der Logik nicht so richtig zu verstehen. Er hat eine eigene Rubrik eingerichtet, die “widerlegte Fake-News” heißt. Da es sich um eine doppelte Verneinung handelt, müssten diese News dann ja kein Fake sein.

So ist zunächst Transparenz eigentlich eine grundsätzliche, selbstverständliche Voraussetzung – zumindest, wenn man sich Kritiker vom Hals halten möchte. Wäre das so in Engelhardts Fall, hätte er, oder wenigstens Diess, erwähnen sollen, dass der Artikel aufgrund eines eigenen, wirtschaftlichen Interesses als Vermieter von Elektroautos entstanden ist (auch wenn dies in Der CICERO Autorenbeschreibung kurz auftaucht. )

Für Robin Engelhardt heißt Technologieoffenheit ferner „Wasserstoff“, was defacto nicht die einzige Alternative ist. Des Weiteren hat er komplett ausgeklammert, woher der Strom für die zukünftige, deutsche E-Only-Flotte kommt, den wir nicht selbst produzieren können und vor allem, wie und wo dieser produziert werden soll. Auch die Antwort auf die sich stellende Frage, was die Alternativen für eine weniger klimaschädliche Mobilität jenseits der industrialisierten Welt sein sollen, bleibt er schuldig. Frage über Fragen, allerdings sei dem jungen Unternehmer dies verziehen – mit knapp über 20 darf man ruhig radikal und aufmüpfig sein.

Viel drängender ist die Frage, was sich Herr Diess als Vorstandsvorsitzender eines der wichtigsten, deutschen Industrieunternehmen wohl gedacht hat, diesen Artikel mit lobenden Worten zu posten. Ein Schelm könnte jetzt denken, Engelhardt habe ihn ausgetrickst und schlimmstenfalls ausgenutzt, um seine E-Auto Vermietung zu promoten. Ich glaube aber, die Abgründe sind tiefer. Die Vermutung liegt nah, Diess wolle sich bei der klimaaktiven Freitagsjugend aus gutem Hause anbiedern, die gerne von Alternativlosigkeit des eigenen Weltbildes und dem Alleinanspruch auf die Rettung des Weltklimas durch die Abschaffung der deutschen Wirtschaft fabulieren, während sie dem Volk vorschreiben, wie es zu leben, fahren und konsumieren hat. Wenn man so will, ist Engelhardt eine Art Tech-Luisa-Neubauer-Light mit etwas mehr technischem Sachverstand, als seine Mitstreiterin im Geiste. Unternehmerisch denken können allerdings beide recht gut für ihr Alter.

Außerdem muss er ja die durch den Aktionär, das Land Niedersachsen, vermutlich verordneten E-Auto-Kurs des Ministerpräsidenten kommunizieren.

Elektroautovermietung Engelhardt, Zwei Illusionen auf einen Blick (Screenshot)

Mich gruselt es jedenfalls immer ein Bisschen, beim Lesen solcher Posts, ernnern sie mich doch an die Zeit, als die Kirche ihr Geld mit Ablasshandel und Hexenverbren… – nein, das wäre wirklich übertrieben und so weit will ich an der Stelle nicht gehen! M-E Aculpa, Hall-E-Lujah und Am-E-n! Dass allerdings der Absolutismus der mittelalterlichen Kirche mal in Wirtschaft, Presse und Teilen der Politik eine Renaissance erleben würde, hätte ich mir als Kind der toleranten und weltoffenen Bonner Republik niemals träumen lassen. 

Wenn man beim Pferderennen nur auf ein Pferd setzt, kann man sich seiner Sache noch so todsicher sein – gewonnen hat man erst, wenn der Gaul als Erster durch´s Ziel gegangen ist. Natürlich brauchen wir deshalb Technologieoffenheit! Viel mehr brauchen wir aber Gesprächsbereitschaft, Toleranz und Ergebnisorientiertheit statt pausenloser Elektro-Propaganda, die jede Alternative von oben herab für sinnlos erklärt. Dass Politiker sich hier aus Partei-ideologischen Gründen schwertun, sei ihnen (teilweise) verziehen. Dass dieser Style aber inzwischen auch in der Führungsetage von Weltkonzernen angekommen ist, finde ich eher so „halb gut“, wie mein Sohn immer zu sagen pflegt, wenn er etwas durch und durch furchtbar findet. 

Was ich fast vergessen hätte: Aus irgendeinem Grund hat VW ja bis vor kurzem noch geplant, ein Passat-Werk mit herkömmlicher Motorentechnik in der Türkei für den Export nach Osteuropa zu bauen, wenn mich nicht alles täuscht. Klimapolitische Gründe waren allerdings nicht der Grund für den Rückzug, denn wie wir wissen, haben Export-Märkte ja kein Klima-Problem. Die Türkei übrigens auch nicht – sagt Erdogan! Wenn VW nur noch Elektroautos baut – was fahren denn dann die Türken, Ukrainer und Russen demnächst?


Christian Nikolai ist als freiberuflicher Unternehmensberater mit seiner Firma RaumLenker MotorConsult tätig, die sich auf Entwicklung von Kommunikations- und Vertriebskonzepten für die Automobilindustrie spezialisiert hat. Daneben engagiert er sich für nachhaltige Dekarbonisierung durch den Einsatz von Jatrophaöl als klimapositiver Kraftstoff, der auf Basis vorhandener Diesel-Infrastrukturen global, nachhaltig und kostengünstig funktioniert. Christian Nikolai war zuvor über 20 Jahre in der Zentrale der Daimler AG und bei Mercedes-Benz Händlern in verschiedenen Funktionen im Marketing, Vertrieb sowie mit dem Aufbau von ClassicPartner Standorten beschäftigt. Er schreibt für Drehmoment regelmäßig Artikel zu unterschiedlichen Automotive-Themen.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s

Blog at WordPress.com.

Up ↑

%d bloggers like this: