Daktari 2.0: Der Anti-4X4-Tesla

Von CHRISTIAN NIKOLAI, Raumlenker Motorconsult

Bei aller Daseinsberechtigung kleiner Elektroautos für den schnellen Einkauf in der Stadt mehrt sich inzwischen die Kritik daran, dass die Fahrt von Flensburg nach München und auch die Flussdurchfahrt in den Alpen wohl doch eher kein Job für ein Elektrofahrzeug sein kann. Industrie wie Bundesregierung denken langsam über mögliche, realistischere Alternativen nach.

„Klasse“, könnte man als Car-Guy jetzt denken! Tragischerweise wird aber in neu-deutscher Tradition versucht, den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben – und der weder ausgereifte, noch mit einer einigermaßen nachhaltigen Ökobilanz versehene Wasserstoffantrieb aus dem Hut gezaubert. Autos, so wie wir sie immer kannten – mit Ecken und Kanten, mit einem klar definierten und erkennbaren Nutzwert, mit Emotionen und Cojones – spielen in der öffentlichen Wahrnehmung scheinbar keine Rolle mehr.

Bis jetzt: Wer die ersten Pressemitteilungen zum neuen Ineos Grenadier gelesen hat, fühlt sich sofort in die Zeit versetzt, als Männer noch meilenweit für eine Camel liefen, Malcom Douglas ungeniert im Outback mit Krokodilen rang und ein Geländewagen ein Geländewagen war. …kein SUV, kein weichgespülter Off-Roader mit hochglanzpolierten Alurädern und Niederquerschnittsreifen – sondern das, was sein Name schon vermuten lässt: Ein GELÄNDE-Wagen. Wer heute so ein Auto sucht, muss entweder einen guten Draht zum Military Sales Programm der etablierten Hersteller haben, oder sich bis 2021 gedulden.

Denn dann kommt der Ineos Grenadier auf den Markt. Ineos? „Nie gehört – aber der sieht aus, wie ein LandRover.“ Richtig! Der Grenadier wird nicht von LandRover gebaut und vertrieben, sondern von Ineos, einem britischen Chemie-Konzern, der mit unserer BASF oder Bayer vergleichbar ist. Sein Vorstandsvorsitzender Jim Ratcliffe ist der reichste Mensch auf der Insel, ein glühender LandRover Fan und trinkt sein Feierabend-Ale gerne im „Grenadier“, Sein wir also erstmal froh, dass seine Lieblingskneipe nicht das „Flying Pig“, oder das „Cockwell Inn“ ist…

Mit Ende der Produktion des Defender in 2016 war auch für Ratcliffe Schluss mit fabrikneuen LandRovern in seiner Garage. Jeder Normalbürger würde sich wahrscheinlich sagen „OK, dann suche ich mir halt einen guten Gebrauchten“. Nicht so Jim Ratcliffe, dessen spontane Reaktion „…dann baue ich mir halt meinen eigenen!“ war. …nur besser, moderner, ohne die Schrullen und Macken des Originals. Am besten mit vernünftigen Motoren, Rahmen und Achsen! Bei aller Sympathie für Jaguar Land Rover: Hättet Ihr mal lieber mit Ineos zusammengearbeitet, statt Jim Ratcliffe ohne Unterstützung nachhause zu schicken. Hier wächst gerade etwas heran, das Ihr für Euren neuen Defender im freundlichen und spaßigen Beetle-Design echt nicht als Konkurrenten brauchen könnt!

Herausgekommen ist ein nämlich Auto, das dem Landy zum Verwechseln ähnlichsieht und scheinbar keine Probleme mit dem Fußgängerschutz bei der Homologation hatte, weshalb der „echte“ Landy ja nach offizieller JLR-Sprachregelung in Rente geschickt wurde. Ineos hat zur Entwicklung die Partner an Bord geholt, mit denen man nur gewinnen kann, wie ein Wirt, der zur Restauranteröffnung Alfons Schuhbeck und Eckart Witzigmann engagiert.

An der Entwicklung beteiligt sind Magna-Steyr in Graz, die in über 40 Jahren mit dem Mercedes-Benz G ja schon die eine, oder andere Erfahrung sammeln konnten. Die Motoren – sparsame und moderne 6-Zylinder Diesel und Benziner – stammen von den Bayrischen Motoren-Werken und die Achsen steuert Carraro aus Italien bei. Allesamt in ihrem Metier die Kirsche auf der Branchen-Torte. Gebaut wird der Grenadier in Wales und nicht in China oder einem Billiglohnland in Osteuropa, wie man spontan bei einem komplett neuen Marken-Launch vermuten würde.

Seien wir gespannt. Ich bin es jedenfalls, denn allein die Ankündigung, dass ein neuer 4×4 auf den Markt kommt, in dessen erster Pressemitteilung nicht steht, dass es ihn wahlweise auch mit Tretkurbeln für die Passagiere und Akku-Schnelllade-Mega-Booster gibt, sondern mit dem man das tun kann, was man von einem Geländewagen erwarten darf, verursacht mir Gänsehaut und Hoffnung. Hoffnung, dass es noch Menschen gibt, die Auto fahren wollen oder müssen und nicht nur ein Mobilitätskonzept für die Fahrt vom Homeoffice zur Chai-Latte am Prenzlauer Berg benötigen!

…nur über die Namensgebung würde ich nochmal nachdenken: „Grenadier Grizzly“ klingt irgendwie besser, als Ineos. Egal: Ihr macht das schon!

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