Thanks to Bob Bishop and his collegues!

von CARL CHRISTIAN JANCKE

Wahrer Luxus ist, was man genießt, aber nicht braucht. Unvernunft im Überfluß. Und die ist meist so teuer, dass sie ohnehin nur auf geringe Stückzahlen kommt. Wie der Bentley Mulsanne, dessen letztes Exemplar in dieser Woche vom Band lief. Ein solches Auto wird wohl nie mehr gebaut. Und schon gar nicht von Hand.

Für meine Serie “Klassiker von Morgen” für die WELT am Sonntag bin ich ihm 2013 begegnet. Der Koloß aus Crewe wurde fast nur von Hand zusammengeschraubt, was immerhin rund 400 Stunden in Anspruch nahm.Während der rund 11-jährigen Produktion wurden die 7.300 Mulsanne immerhin 90.000 Stunden lang poliert. Richtig gelesen: Poliert mit Tüchern aus Lammwolle. Der wörtlich zu nehmende Motorenbauer Bob Bishop wurde wegen seiner vorzüglichen Leistung wie beim Mulsanne-Aggregat meines Testwagens mit einem Emblem auf dem Motor verewigt. Genau den hat er gebaut.

Überhaupt dieser Motor. Ohne ihn wäre die Queen in den vergangenen 6 Jahrzehnten kaum vorwärts gekommen. Schon die das gleiche Emblem tragende und in Crewe gefertigten Rolls-Royce-Limousinen wurden von der auf einem US-Großserien-V8 basierenden Eigenkonstruktion aus Alu angetrieben, die ihren Hubraum dem Daimler-Konzern verdanken soll. 

Als 1963 der Mercedes 600 mit dem ersten Achtzylinder und 6,3 Litern produziert wurde, bohrte man der Legende nach in Crewe das Standard – Aggregat von 6,2 auf 6,75 Liter auf, über die konkreten Daten sprach man ja nicht. Ein Rolls-Royce hat schließlich Leistung genug. Und die sportliche Variante, der Bentley, eh. 

Hierzulande ist weitgehend unbekannt, dass Bentley seit den Zwanziger Jahren (des letzten Jahrhunderts) ohnehin die prestigeträchtigere Marke ist. Damals holten sich die “Bentley-Boys” ihren Sportwagen in der Fabrik ab, fuhren damit auf eigener Achse nach Frankreich (Fähre eingeschlossen), um bei den 24 Stunden von Le Mans alles andere in Grund und Boden zu fahren. Am Sonntag nachmittag ging es dann zurück nach Hause. Die Autos waren groß genug, dass auch die Trophäen noch verstaut werden konnten. Und sie  brauchten kein Verdeck. Regen waren die Briten schon gewohnt. Und John Barbour hatte bereits 1894 die Wachsjacke erfunden. 

Ausgerechnet der Konzern, der dem Kübel- und dem “Kraft durch Freude Wagen”, später bekannt als VW Käfer, seine Existenz und seine Wolfsburger Fabrik verdankt, erwarb die Marke, die 1931 im Handstreich von Rolls Royce aus der faktischen Konkursmasse übernommen worden war. 1998 hatte VW-Chef Ferdinand Piech nur übersehen, dass die Markenrechte von Rolls Royce schon vorher bei BMW gelandet waren. Die Münchner hatten den gleichnamigen Flugmotorenhersteller übernommen. 

Es war natürlich ein besonderer Coup, dass die VW-Tochter der Queen zum Thronjubiläum erstmals eine Bentley-Staatslimousine schenken durfte (es gibt natürlich zwei Exemplare), die anders als die früheren, schwarzen Rolls Royce auch in royalem Weinrot erstrahlt und über Panorama-Scheiben verfügt, damit die königliche Hoheit auch vom Publikum gut zu sehen ist. Antrieb der auf dem Mulsanne-Vorgänger Arnage basierenden “State Limousine” ist auch hier der legendäre 6,75 Liter, man ahnt es schon. Wenn auch “nur” mit 405 PS und 875 Newton-Meter.  Mit der Fliehkraft könnte man die Queen aber schon ganz ordentlich in die Polstergarnitur der vollverglasten Limousine drücken. 

Die letzte Mulsanne-Sonderserie hat 537 PS, aber das Drehmoment eines Panzers: 1.100 Newtonmeter kommen aus dem Drehzahlkeller und fallen schon bei 1.700 Umdrehungen an. Das Band endet auf dieseltypischem Niveau weit unter 5.000 Umdrehungen. Da fallen fast 2,7 Tonnen kaum ins Gewicht. Wenn Olaf Scholz mal wissen will, was ein Bums ist, sollte er mal Mulsanne fahren. Als Sozi wird er sich das allerdings nicht politisch leisten können. Aber wenn er auf mehr Beinfreiheit Wert legt, nimmt er in der Extended Version Platz, die Länge wächst dann von 5,5 auf 5,8 m. Definitiv zu viel für seinen Kollegen Heiko Maas. Zuviel Fußraum.

An einem verkehrsarmen Sonntag zwischen Berlin und Magdeburg lassen sich 302 km/h auf den Tacho zaubern, über den Momentanverbrauch schweigt der Genießer. Der 96-Liter-Tank reicht für die Überbrückung zwischen zwei Raststätten. Wenn man sich mäßigt, sind es auch mal drei. (Der Hashtag auf dem Bild war Teil einer Protestaktion gegen die Entlassung des “TopGear”-Moderators Jeremy Clarkson geschuldet).

An der Länge dieses Eintrags merkt der Leser: Abschiednehmen fällt schwer. Hier muss man nicht nach Worten ringen, man verhakt sich in die Tastatur. 

Gebrauchte Spezies aus den frühen Jahren werden zwischen 80.000 und 100.000 Euro gehandelt. Nicht nur wegen des Verbrauchs sind die km-Leistungen der angebotenen Fahrzeuge zu vernachlässigen. Die Erstbesitzer bevorzugen für die längeren Strecken gerne den Lear-Jet. Und die Preise für den Mulsanne werden weiter sinken. Neue Exemplare kann man sich immerhin für den Gegenwert einer ordentlichen Eigentumswohnung sichern, wenn man sich beeilt. Das sind rund 350.000 Euro.  Die übliche Last Edition, die 30 Mulsanne, die zum Auslauf gefertigt wurden, sind wahrscheinlich längst ausverkauft. 

Als Nachfolger für das Flagschiff verweist Bentley natürlich auf die aktuelle Modellpalette Bentayga, Flying Spur und Continental. Das sind alles fantastische Autos, sie beruhen aber auf der Großserientechnik des VW-Konzerns. Acht- und Zwölfzylinder modernster Provenienz, elektronische Hilfsprogramme ohne Ende. Aber natürlich auch eine phantastische Verarbeitungsqualität. Auch gut für 300 km/h und mehr und mit allem erdenklichen Luxus ausgestattet. Nicht mal beim Preis muss man sich diskriminiert fühlen. Wenn man ausreichend Zubehör kauft, kriegt man auch da die 300.000 Euro voll. Den wenigsten Käufern schwant, dass unter dem Blech die meisten Teile dem aktuellen Audi A8 gleichen und moderne Produktionstechnik das Handwerk der “Bishops” überflüssig macht. Aber unter der Haut der aktuellen Rolls Royce steckt ja auch BMW-Technik. Und auch das Mulsanne-Aggregat stammte ja in seinen Grundzügen aus den USA, auch wenn die Alu-Konstruktion eine Eigenkonstruktion. 

Das nächste Bentley-Spitzenmodell wird wohl ein SUV sein, wird gemunkelt. Die Nah-Östliche Kundschaft ist für sowas empfänglich. Nach dem unrühmlichen Ende des letzten amerikanisierten Jaguar XJ hat auch die Royal Family sich schon an den Range Rover als innerstädtisches Fortbewegungsmittel gewöhnt. Und wenn ihm auch ein Diesel erspart bleibt, mindestens an einem Teil-Elektrischen Antrieb wird er nicht vorbeikommen. Das macht ihn im Zeitalter des CO²-Zeitalters satisfaktionsfähig. Die wahre Luxuslimousine wird uns noch lange als Gebrauchtwagen erhalten bleiben. Weil das so schnöde klingt, heißt das bei Bentley Pre-Owned. Und es werden viele davon bei Bonhams und RM-Sothebys mit dem Zusatz auftauchen. “Aus prominenten Vorbesitz”. Bob Bishop und seinen Kollegen sei Dank. 

Wer übrigens meint, der Mulsanne, benannt nach einem Streckenteil in Le Mans, sei nicht nachhaltig, irrt sich gewaltig. Das Auto ist gebaut für die Ewigkeit. Zum Glück

Fotocredits: Bentley Motors.

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