Reichweitentest – ein Selbstversuch

von CARL CHRISTIAN JANCKE

Autotests haben heute oft etwas abenteuerliches. Findet man rechtzeitig eine Ladesäule, lädt die schnell oder langsam und wenn ja, reicht die Reichweite. Hat man das richtige Ladekabel und darf man dort mit seiner Karte bezahlen? Stets fiebert der Leser/Zuschauer/User mit dem Redakteur, der auf deutschen Autobahnen auszog, um in unserem Namen die Praxistauglichkeit eines Elektro-Automobils zu testen.

Dabei werden Ideen für spaßige Filmchen erfunden, etwa Vergleichsfahrten mit anderen Fahrzeugen, der Bahn, dem Flugzeug und gewagte Experimente mit eingeschalteter Heizung oder Klimaanlage. Tank- und Wartestopps verschlechtern nicht nur die Durchschnittsgeschwindigkeit. Die Aufenthaltsdauer hängt dabei wesentlich von der Geschwindigkeit der Betankung ab. Und der Preis davon, mit welchem Versorger ich einen Vertrag habe. Bei einem anderen kann der Preis exponentiell steigen. Grund genug für mich, im Dienste meiner Leser auch das Wagnis einer Langstreckenerprobung auf der Autobahn einzugehen.

Die Strecke

Ich gebe es ja zu. Zwischen meinem Wohnort Berlin und meinem Elternhaus im Düsseldorfer Norden Düsseldorf fahre ich in der Regel vollelektrisch. Im ICE. Ich habe jedoch keine Lust, 4,5 Stunden mit einer Maske im Zug zu sitzen. Außerdem gab es ein paar Gegenstände zu transportieren. Ich entschied mich also für das Auto.

Zum Einsatz für den Selbstversuch kam ein handelsüblicher BMW 325i E90, Erstzulassung 07/2005 mit 2,5 Liter Hubraum und 218 PS ohne Aufladung. Die Höchstgeschwindigkeit ist mit 242 km/h angegeben. Der Benzintank fasst 60 Liter. Getankt werden kann mit Super E10.

Die Vorbereitung

Nachdem das Auto beladen war, gestaltete die sich wie folgt: “Einsteigen, anschnallen, losfahren. Es musste keine Rechweite ausgerechnet, keine Ladesäulen ermittelt und keine App geladen werden. Die Fahrt wurde in 5 km Entfernung kurzfristig an einer freien Tankstelle unterbrochen. Da der Tank leer war, wurden 55 Liter auf getankt. Beim Start zeigte der Bordcomputer eine Reichweite von 550 km an, so dass ich mit einem Nachtank-Vorgang rechnete. Da sich auf der A3 und der A2 zwischen Düsseldorf-Kalkum und dem Berliner Westend mehrere Tankstellen, Autohöfe und Raststätten befanden, musste ich mir um die Treibstofflogistik also keine Gedanken machen.

Die Strecke und der Verkehr

Der Tankvorgang inklusive der Bezahlung (Achtung, Maske) nahm etwa 6 Minuten in Anspruch. Um 16.56 Uhr startete ich über die B8 N, eine und eine Kreisstraße und fuhr auf die A52 an der Ausfahrt Ratingen/Kaiserswerth in Richtung Breitscheider Kreuz auf, wo ich auf die A3 in Richtung Oberhausen wechselte. Die geht in der Nähe Oberhausen in die A2 über. Der Autobahn folgte ich bis zum r Ausfahrt Dreieck Werder und dann dem Autobahnkreuz Nuthetal, wo ich auf die A10 wechselte, die ich am Dreieck-Funkturm verließ, um über den Theodor-Heuß-Platz und die Reichsstraße und die Olympische Straße ins Westend zu gelangen.

Der Verkehr war zunächst zähflüssig, weil sich der Berufsverkehr mit dem Feiertagsverkehr mischte. Aufgrund des langen Wochenendes waren auch sehr viele polnische LKWs, Kleintransporter und auch PKW in Richtung Osten unterwegs. Die Dichte nahm hinter dem Kamener Kreuz spürbar ab. und ermöglichte Geschwindigkeiten in Höhe von 160-180 km/h bei defensiver Fahrweise. Von Bad Eilsen bis Braunschweig hat die automatische Verkehrsbeeinflussung Geschwindigkeiten zwischen 120 und 130 km/h vorgeschrieben, die ich sicherlich gelegentlich und versehentlich unwesentlich überschritten habe.

Bei Magdeburg gab es nochmal eine längere Baustelle, danach war die Autobahn frei und keine Geschwindigkeitsbegrenzung. Auf dieser Strecke bin ich ebenfalls defensiv gefahren, konnte aber wegen der mittlerweile leeren Autobahn Geschwindigkeiten zwischen 180 und 220 km/h erreichen, bei Abstandhalten, rechtzeitiger Rücknahme der Geschwindigkeit und vorausschauendem Fahren. 37 km vor dem Dreieck Werder ist wegen Unfallgefahr die Höchstgeschwindigkeit auf 130 km/h begrenzt. Ich laufe Gefahr, aus Langweile auf der fast immer schnurgeraden sechsspurigen und fast leeren Fahrbahn einzuschlafen. In der Folge auf dem Berliner Ring und der A10 ist die Geschwindigkeit ebenfalls auf 120 km/h beschränkt.

Insgesamt erreichte ich eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 122,7 km laut Bordcomputer. Googlemaps hatte eine Fahrzeit von 5 Stunden 21 errechnet, ich habe 4 Stunden und 48 Minuten benötigt. Der Verbrauch wurde vom Bordcomputer mit 10 Litern auf 100 km angeben. Die Restreichweite betrug 78 km.

Das Fazit

Die Autobahnfahrt mit einem Benziner ist genauso totlangweilig wie dieser Test. Klimaanlage, Licht und Beladung haben die Reichweite nicht beeinträchtigt. Anders als am Anfang vermutet, musste die Fahrt nicht zum Nachtanken unterbrochen werden. Dies hätte die Fahrtzeit um ca. 10 Minuten verlängert. Der 2,5 Liter Benziner ohne Downsizing-Konzept und Zwangsbeatmung mit einer 6-Gang Automatik-Getriebe bewegte sich die allermeiste Fahrzeit im Drehzahlband von 2.000 und 4.000 Umdrehungen im verschleissarmen Bereich und mit angemessenen Verbrauch und Emissionen. Ich musste keine Vorbereitungen treffen, nicht auf die Reichweite achten und die Fahrt nicht für längere Zeit unterbrechen, um etwa den Akku aufzuladen. Über Fahrstrecke und Lademöglichkeiten mußte ich mir keine Gedanken machen. Genau das aber ist der Zweck eines Automobils. Es macht einen selbst mobil. Ohne Einschränkungen und notwendige Vorbereitungen. Solange das ein Elektroauto nicht kann, kauft es keiner. Mit dem Verbrenner kann ich soweit fahren wie ich will, wohin ich will, wie ich will und wann ich will.

In Zukunft fahre ich wieder elektrisch

Trotzdem fahre ich in Zukunft wieder elektrisch. Mit dem ICE. Der bekommt den Strom aus Kohlekraftwerken über die Oberleitung und brettert zwischen Spandau und Düsseldorf Flughafen in 4 1,2 Stunden – zwischen Spandau und Hannover mit 250 km/h. Mit An- und Abfahrt kommt das aufs selbe raus. Und das Sparticket 1. Klasse mit Einzelsitz und Lederbezug kostet ungefähr genauso viel wie die Tankfüllung. Für die Stadt zu Stadt Verbindung in den Ballungsgebieten ist das unschlagbar. Wer aber schon im Speckgürtel oder auf dem flachen Land lebt oder arbeitet, für den gibt es zum Verbrennungsmotor keine Alternative.

Auto fahre ich in Zukunft weiter gerne. In meinem Cabrio auf der Landstraße bei schönen Wetter oder mit dem Sportwagen auf der Rennstrecke. Und manchmal auch auf der Autobahn.

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