H-Kennzeichen: Frisch geleckt bleibt die Authenzitität gern auf der Strecke

von CARL CHRISTIAN JANCKE

Beim Relotius-Blatt Spiegel Online hat sich Haiko Prengel auf die Suche nach Autos gemacht, die das H-Kennzeichen nicht verdienen. Warum der “Interessenverband” der Szene sich als Kronzeuge geriert, bleibt ein Rätsel. Ein Kollateralschaden bleibt.

“Lack und Chromteile verwittert, auf den Fenstergummis gedeiht Moos: Der gelbe Mercedes-Kombi vom Typ 200 T hat schon bessere Tage gesehen. Auch der rote VW Passat Variant, Baureihe B3 aus den Achtzigerjahren, wird wohl kein Sammlerstück mehr werden. Wegen Rostbefalls wurde bereits der rechte Radlauf geschweißt. Auf der linken Seite hat Korrosion das Blech aber auch schon knusprig gemacht.” So moniert der Autojournalist Haiko Prengel den Zustand von Fahrzeugen mit H-Kennzeichen.

Die sind mehr als 30 Jahre alt und sollen als “automobiles Kulturgut” in einem guten Originalzustand sein. Das entsprechende Nummernschild bekommt man nur nach einer Prüfung durch einen Sachverständigen mit der TÜV-Plakette. Leichte Patina oder Gebrauchsspuren, so Prengel, gingen ja noch in Ordnung.

Doch das H-Kennzeichen hat keine Ewigkeitsgarantie. Alle zwei Jahre müssen die Wagen wie alle anderen zur Hauptuntersuchung. Und da wird auch überprüft, ob die Autos sich in einem erhaltenswerten Zustand befinden. Sonst ist das Kennzeichen weg. In Spiegel Online zitiert Prengel denn auch Norbert Schroeder, Klassik-Spezialist und Gutachter des TÜV Rheinland. Damit wäre die Geschichte eigentlich gestorben.

Um sie statt dessen zu garnieren, präsentiert der SPON-Autor keinesfalls automobile Bruchbuden, sondern allenfalls Fahrzeuge, die ein paar Schönheitsreparaturen brauchen.  Bei einem VW Passat moniert er eine gespachtelte und grundierte Fläche am hinteren Kotflügel als “überlackiert”. Bei einem Ford Transit die provisorisch mit Klebeband geflickten Sitze als endgültige Alternative. Ob der Eigentümer vielleicht schon auf der Suche nach neuem Gestühl ist, weiß Prengel nicht. Er hat ihn nicht gefragt wie auch die anderen Eigentümer nicht zu Wort kamen. Mit der Handykamera durch die Berliner Straßen zu streifen, reicht der Heimat des investigativen Journalismus in Deutschland offensichtlich aus. Dann hätte er vielleicht auch erfahren, dass manchem Liebahber im Zuge der Pflege seines mobilen Schatzes vielleicht auch mal das Geld ausgeht.

Nicht nur bei preiswerten Klassikern ist längst eine Diskussion entbrannt. Ist ein Hochglanz-restauriertes Fahrzeug noch authentisch? Oder macht die Seele des Autos nicht gerade der Rostfelck aus und der stumpfe Lack ist ein Indiz dafür, dass Jaguar Gründer Sir William Lyons noch durch die Werkhalle strich. Das “Reborn” Programm der Klassik-Abteilung von Jaguar-Landrover ist deshalb unter schwerem Beschuss und offensichtlich nicht so erfolgreich, wie man sich erhofft hatte. Das liegt nicht nur an den Preisen, sondern auch daran, dass mancher meint, ein vollrestauriertes Auto sei seiner Seele beraubt.

Die Lager sind gespalten. Wichtig ist, dass beide Seiten ihre Existenzberechtigung haben. Das von Prengel abgelichtete W123  T-Modell ist etwa nur einfach ungewaschen und das – zugegebenermassen – schon seit längerem. Davon, dass nur gewaschene Autos zum H-Kennzeichen berechtige, ist allerdings nirgendwo die Rede.

Das denkt sich gewiß auch Hanns-Lüdecke Rodewald, der seinen 1956iger Opel Olympia Caravan seit mindestens 1977 nicht mehr gewaschen hat. Wir haben ihn eingeladen, mit Philipp Batthyány über Authentizität zu diskutieren, der sein BMW 2.5 CS Coupé originalgetreu restaurierte, weil die Basis nicht zu erhalten war.

Für Rodewalds ungewaschenen Opel fand die Welt 2017 wohlwollende Worte:

“Denn dafür ist Rodewalds Opel einfach zu verrottet. Zumindest optisch. Rodewald formuliert es wohlwollender: Als „Patina extrem“ könne man den bizarr anmutenden Zustand seines Oldtimers beschreiben, der bemerkenswerterweise trotzdem eine gültige HU-Plakette aufweist, also am Straßenverkehr teilnehmen darf.

Und das kam so: Vor genau 40 Jahren, im Jahr 1977, wusch Rodewald seinen Kombi zum letzten Mal. Danach begann ein Experiment, das bis heute andauert: Wie lange kann man ein Auto am Laufen halten, wenn man es nur mit minimalem Aufwand pflegt und am Leben erhält?”

Autor des Artikels war übrigens Haiko Prengel.

 

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s

Blog at WordPress.com.

Up ↑

%d bloggers like this: