Liebling, ich habe den SUV geschrumpft

Bild: VW T-Cross mit 1 Liter Polo Motor und rund 5 Liter Verbrauch auf 100 km.

von CARL CHRISTIAN JANCKE

Die pietätlose Inanspruchnahme von vier tragischen Unfallopfern durch die sendungsbewussten  Klimaschützer und Ökologen lenkt den Blick auf das Feindbild einer Fahrzeuggattung, die auch noch in Deutschland in der Regel gemeinsam mit dem Feindbild Nummer eins, dem Diesel bekämpft werden soll, um die Anhänger der individuellen Mobilität endlich in überfüllte und zu spät kommende S- und U-Bahnen zu pressen. Dabei ist auch diese Kampagne, in der der vermeintlich gute Zweck jedes noch so geschmacklose Mittel rechtfertigt, verlogen. Das zeigt sich gerade an dem im Mainstream längst geächteten “Sports Utility Vehicle”. 

Als Teilzeit-Motorjournalist bin ich unverdächtig. Ein Diesel käme mir nie ins Haus. Er ist vernünftig, leistungsstark, aber erkauft das mit einer grausamen Laufkultur, die nur durch eine dicke Motorkapselung abgemildert werden kann. Das erreicht er dank diverser Turbolader durch viel heiße Luft. Und ich mag keine “SUV”. Die Reinkarnation des Opel Rekords ist der VW Tiguan. Ein besonders gern von Frauen gefahrener “SUV” auf Basis des VW Golfs. Eben ein modernes Spießerauto, dessen hervorragendste Eigenschaft seine Vernünftigkeit ist. 

Und das zeigt schon die Faktenfreiheit der Debatte. Die meistverkauften verkappten Geländewagen heißen hierzulande schon lange nicht mehr Audi Q7, BMW M5/6, Mercedes ML-Klasse, Range Rover, Porsche Cayenne oder Volkswagen Touareg. Die mögen am persischen Golf und in den USA noch eine Rolle in der Zulassungsstatistik spielen. Hierzulande schrumpft die Rolle der gefühlten 2,5 Tonner von Jahr zu Jahr, deren erste Generation vor rund 20 Jahren erschien.

Die hatten hierzulande schnell mit großvolumigen Dieselmotoren Erfolg, die dem wohlsituierten Familienvater mit mäßigem Verbrauch und ordentlichen Fahrleistungen den Weg in den Skiurlaub zügig erleichterten. Dafür durfte er auf dem Weg vom Einfamilienhaus auf den Firmenparkplatz durchaus etwas sperriger sein. Immerhin konnte man damit auf dem Rückweg beim Mediamarkt auch noch schnell den neuen Kühlschrank abholen. Denn die meisten in Deutschland verkauften Neuwagen – auch mit Vierradantrieb – sind Firmenautos. Und zumindest die großen Konzerne haben ausgeklügelte Vorschriften, die die Zuteilung an einen möglichst niedrigen CO²-Ausstoß koppeln.

Der tragische Unfall ausgerechnet auf der Berliner Invalidenstraße wurde von keinem dieser “Chelsea-Tractors” (Jeremy Clarkson) ausgelöst, sondern von einem Porsche Macan, einem “Kompakt-SUV” auf Basis des Audi A4 und weitgehend gleich groß wie der bereits erwähnte Volkswagen Tiguan oder der Audi Q5. Hätte es sich um eine Limousine oder einen Kombi gehandelt, wäre der Schaden wohl kaum niedriger gewesen. Das bezeugen auch Tests durch palästinensische Attentäter, die gerne mit durchaus kleineren Autos aus koreanischer oder japanischen Fabrikation einen vergleichbaren Schaden anrichteten, wenn sie in eine wartende Menge an einer Bus- oder Straßenbahnhaltestelle steuerten. 

Einen ordentlichen SUV-Zuschlag erreicht man bei den Verbrauchs- und Emissionswerten nur bei höheren Geschwindigkeiten jenseits der 100 km/h, wenn der aerodynamische Nachteil und das höhere Gewicht sich negativ auswirken.  Ansonsten dürften Sportwagen, Kombis und Limousinen kaum weniger in der Stadt verbrauchen wie vergleichbare Kompakt-SUV.

Unter den 15 meistverkauften SUV ist auch keiner der mittlerweile verschrieenen  ausgewachsenen angeblichen Monster vom Schlage eines Porsche Cayenne zu finden.Auch der verunfallte kompakte “Macan” ist nicht dabei. Meistverkauftes Modell ist der auf Focus-Größe reduzierte Ford Kuga mit rund 42.000 Neuzulassungen, gefolgt vom kompakten GLK/GLC von Mercedes-Benz. Schon auf Platz 3 sitzt der auf unter Golf-Grösse eingeschrumpfte VW T-Roc. Dabei haben die Wolfsburger das nächstkleinere SUV, den T-Cross im Angebot, das gerade mal mit einem 1 Liter – Motörchen auskommt und die Technik des Kleinwagens Polo nutzt. Er kommt auf runde 5 Liter Verbrauch je nach Motorversion auf 100 km. 

Also auf Kosten der Opfer außer Spesen nichts gewesen. Und die Presseschau des Deutschlandfunks heute (am 10.09.2019) war mehr als nun ein Rauschen im Blätterwald. SUV als Panzer allerorten. Mal verständnisvoller und mal weniger. 

Vor allem aber war sie eins: Faktenfrei. Ein Blick in die Zulassungsstatistik des Kraftfahrtbundesamtes oder von Destatis hätte schnell entlarvt, dass vom protzigen Rolls Royce Cullinan in Deutschland 2018 gerade mal 14 Fahrzeuge zugelassen wurden. Der Porsche Cayenne fand dieselfrei 2018 immerhin mehr als 400 Käufer. Vom kompakten BMW X1 wurden dagegen 31.524 Exemplare verkauft, das Derivat X2 nicht mitgerechnet. 

Davon war in fast allen Kommentaren der geschätzten Presse nicht die Rede. Die propagiert zwar gerne allenthalben “Fakenews”. Nur nicht im eigenen Medium.  Ob die Realität allerdings mit der eigenen Vermutung übereinstimmt, interessiert die schreibende und darstellende Zunft mittlerweile immer weniger. Nachprüfung oder gar Recherche könnten ja das eigene Weltbild zerstören. Wichtiger ist schon die Bestätigung des eigenen Vorurteils. Und nach dem sind mehrheitlich SUVs sprit schluckende Panzer.

Fotoquelle: Volkswagen AG 

 

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s

Blog at WordPress.com.

Up ↑

%d bloggers like this: