Ferdinand Piech: Vorsprung durch Technik

Es gibt wenige Menschen, die eine ganze Industrie geprägt haben. Sir Henry Lyons war so jemand. Und Ferdinand Porsche. Und dessen Enkel Ferdinand Piech. Der Mann hat seit den Sechziger Jahren Maßstäbe gesetzt wie kein anderer.

Ein ehemaliger Kollege war mit ihm auf dem Schweizer Internat Zuoz. Piech brauchte zur Matura ein paar Anläufe, was ihm das Leben angenehm machte. Das war der Ursprung des Scheunenfundes. Dort wartete standesgemäß ein Porsche für eine gelegentliche Ausfahrt. Im Schweizer Internat streng  verboten.  Und eine Hoffnung für alle intellektuellen Spätstarter. Sie können es noch weit bringen.

In Stuttgart  wurde der Enkel Ferdinand Porsches Entwicklungschef: Das riskanteste Auto seines Lebens, wie er sagte, war der spätere Le Mans Sieger 917. Als die Rennkommissare zur Homologation erschien, hatte der Österreicher mehr Glück als Verstand. Von den aufgefahrenen 25 Exemplaren sollen die meisten noch keinen Motor gehabt haben.

Unter Piech wurde der 911 erst richtig fahrbar. Das Fahrwerk wurde verbessert und der Radstand verlängert, was zu mehr Stabilität führte.

Wie in vielen Familienunternehmen hatte die Familie Porsche keine glückliche Hand im Management. Sie beschloß daher 1972, sich aus dem operativen Geschäft zurück zu ziehen. Piech brauchte einen neuen Job. Zwischendurch entwarf er für Mercedes-Benz einen 5-Zylinder-Diesel, der die legendäre Wanderdüne /8 auf sagenhafte 150 km/h katapultierte.

Einen neuen Job fand er bei der VW-Tochter Audi, die gerade mit dem Namen DKW das Zweitaktalter hinter sich gelassen hatte. Den Vierzylinder-Modellen 60, 70 und 100 haftete ein Hosenträger-Image an. Die Beamten-Mercedes waren technisch gut aber eben langweilig.  Seit 1975 verantwortete Piech die technische Entwicklung bei Audi. Innovationen pflasterten seinen Weg: Die Fünfzylinder-Motoren, der Turbolader, die vollverzinkte Karosserie und der Allradantrieb waren geniale Lösungen, um ideologische Prinzipien zu überwinden Mitte der Siebziger waren im VW-Konzern Sechszylinder verpönt und der Frontantrieb Gesetz.

Auch wenn seine damalige Behauptung, der Allradantrieb würde den Winterreifen überflüssig machen, sich als falsch erwies (Autos müssen gelegentlich auch bremsen), hat sich das Konzept in den oberen Leistungsklassen aller Marken flächendeckend durchgesetzt. Vorsprung durch Technik hieß der Werbeslogan. der gleichsam Piechs Lebensmotto war.  Piech wurde 1988 Vorstandsvorsitzender. Da hatte er Audi schon auf den Weg zur Premium-Marke gebracht.

Einen wesentlichen Anteil hatte nicht nur der Rallye-Weltmeister Quattro, mit dem Piech Walter Röhrl das beste Auto in die Hand gab. Sondern auch der aerodynamisch geformte 100 (C3), der an die Form des 1967 von Claus Luthe entworfenen NSU Ro 80 erinnerte.

1993 war Volkswagen im Grunde zum dritten Mal Pleite. Der konsens-orientierte Carl Hahn war vom Konglomerat aus technik-verliebten Ingenieuren, Gewerkschaften und der Politik vom rechten Weg abgekommen. Das Land Niedersachsen hatte dank dem VW-Gesetz nicht nur unabhängig vom Kapitalanteil eine Mehrheit. Seit 1990 regierte auch die SPD im Land (unter einem gewissen Gerhard Schröder)und die hatte garantierte Sperrminorität und 10 Prozent. Manchmal munkelt man, die SPD-Regierung sei der verlängerte Arm der Gewerkschaftsseite im Aufsichtsrat.

Als Piech 1993 das Ruder in Wolfsburg übernahm, hatte das Unternehmen 4 Wochen gesicherte Liquidität, wie er sagte. Die zwei Helfer in der Not hießen Ignacio Lopez und Peter Hartz.

Lopez drückte die Lieferanten gnandenlos im Preis, dass einer davon Pleite gegangen ist, wurde nicht überliefert. Und Hartz erfand die Vier-Tage-Woche und unendlich viele Arbeitszeitmodelle, mit der er die überbordende Belegschaft in Lohn und Brot hielt. Die Zustimmung der Betriebsräte erkaufte er, in dem er ihnen Besuche in Niedersächsischen Provinz-Puffs finanzierte. Wenig glamorös, aber effizient. Auch Lopez Einsatz kostete eine Vergleichszahlung von 100 Millionen Mark an dessen früheren Arbeitgeber General Motors. Eingedenk der Milliardeneinsparungen, die er erzielte, eine Petitesse.

Piech wendete nicht nur die Pleite ab sondern machte mit seiner ingeniösen Genialität wieder erfolgreich. Anders als behauptet, war die Volkswagen AG schon lange ein Weltkonzern mit Dependancen und Fabriken in Südafrika, Südamerika, Osteuropa und Spanien. Bald sollen Bentley, Bugatti und  Lamborghini dazu kommen. Piech hat ihn saniert und mit dem Ziel, der Konzern mit den meist verkauften Autos auf der Welt, unter heilsamen Druck gesetzt. 10 Millionen verkaufte Autos hieß das erreichte Ziel. Mehr als der “Weltmarktführer” Toyota.

Der vermeintliche Unsympath konnte generös sein. Den früheren BMW-Chef Bernd Pischetsrieder machte er zu seinem Nachfolger, weil der ihn damals erfolgreich um die Rolls-Royce-Markenrechte gebracht hatte. Das nötigte dem Salzburger Respekt ein. Fürs Tagesgeschäft war der sanfte Bayer, dessen Erscheinungsbild ein wenig an den bayerischen Ludwig den Zweiten erinnerte, zu wenig brachial.

Der wesentliche Gegner in den letzten Jahren war nicht VW-Chef Martin Winterkorn. Im Grunde Vasall Piechs,der allerdings die Leidenschaft für Qualität und Innovation teilt. Aber die Kopie ist nie besser als das Original.

Gefährlicher wurde ihm Wendelin Wiedeking, der den nur scheinbar irrsinnigen Versuch unternahm, für die Familie Piech/Porsche den VW Konzern komplett zu übernehmen. Das Geschäftsmodell war ein ziemlich simpler Trick. Durch den Kauf von VW-Aktien stieg der Kurs. Mit dem Kursgewinn finanzierte Porsche einen weiteren Kauf von VW-Aktien. Als in der Finanzmarktkrise die Kurse fielen, brach das Schneeballsystem zuammen, aber Porsche hatte schon einen erheblichen Anteil erworben. Heute hält die Porsche SE 51,1 Prozent der Aktien.

Piech schwante, dass er die Macht mit dem ungeliebten Cousin Wolfgang Porsche und Wiedeking würde teilen müssen. Das war der zweite Grund, warum die Übernahme Goliaths durch David scheiterte. Wiedeking, der mit eigenem Risiko das Familienunternehmen Porsche aus der Pleite geführt hatte, wurde vom Hof gejagt. Piech war nicht nur ein genialer Ingenieur und Techniker, sondern war im Haifisch-Becken Wolfsburg zum Machtpolitiker Machiavellischer Dimension geworden. Ausgerechnet Ziehsohn Winterkorn machte dem den Garaus, als Piech 2015 versuchte, diesen ablösen zu lassen, so wie den ehemaligen BMW-Chef Pischetsrieder, der ihm zu weich erschien.

2015 schwelte schon der Dieselskandal. Die US-Umweltbehörde hatte Volkswagen bereits aufgefordert, Stellung zu nehmen, ob die VW Diesel die verschärften US-Grenzwerte einhielten und Wolfsburg vertröstete die Amerikaner immer wieder. Das war keine erfolgreiche Strategie. Schwer vorstellbar, dass der Aufsichtsratsvorsitzende, der seit 1975 im Konzern auf Vorstandsebene tätig war, nichts von einer Unruhe bemerkt hat.

Genies sind selten nett. Ungeduld ist ihnen in die WIege gelegt, weil sie stets schneller denken als alle anderen. Ferdinand Porsche hat mit seinem Genie die Automobilindustrie in der ersten Hälfte des Jahrhunderts geprägt. Sein Enkel, der den Namen Porsche nicht tragen durfte, die letzten 50 Jahre. Und er hat einen maroden Volkswagen-Konzern zu neuer Blüte geführt. Das Ende einer Epoche ist mit seinem Tod verbunden. Ob es jemals wieder solche Persönlichkeiten geben wird, die die wichtigste Branche eines Landes prägen, ist wohl unwahrscheinlich.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s

Blog at WordPress.com.

Up ↑

%d bloggers like this: