Die Champagner-Lüge!

Nicht nur Ferraris: Mini Jolly-Car beim Concorso

Von CARL CHRISTIAN JANCKE

“Noch brutaler tönt der Achtzylinder-Reihenmotor mit Doppelkompressor eines Alfa Romeo von 1937. Da zittert der Champagner in den Gläsern der Umstehenden.” So lautet der Aufmacher des Berichts von Michael Specht in der publizistischen Heimat von Claas Relotius. Über den Sound des späteren Siegers des Concorso d´Eleganza in der Villa d´Este kann man streiten. Über den Champagner nicht. Es gab gar keinen.

Das stimmt natürlich nicht ganz. Am Vorabend floß der in Strömen, doch der gebührte dem extra von BMW neu aufgebauten BMW Garmisch, den der legendäre Ausnahmedesigner Marcello Gandini 1970 auf dem Stand seines Arbeitgebers Bertone auf dem Genfer Salon präsentiert hatte. Nur die Concorso-Teilnehmer warteten in diesem Jahr (wie in jedem) in der schützenden Garage, als am späteren Abend über dem Comer See ein Gewitter tobte. Sie wurden erst am  Samstag hervorgeholt und gerieten – wie berichtet – in ein Gewitter. 

Es sind diese Ungenauigkeiten, die die Intension des Autors entlarven. Virtuos spielt er auf der Klaviatur des Neides und bringt so einiges durcheinander oder unterschlägt, was der Schönheit der Melodie zur Ehre gereicht hätte.

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So fehlt der mächtige Schlussakkord. Mehr als 10.000 Zuschauer strömen am Sonntag auf das Gelände der Villa Erba, wo für den Eintrittspreis von 16,00 Euro (es gibt auch Familienangebote) die Teilnehmerfahrzeuge erst im Park und dann von einer extra aufgebauten Tribüne aus fahrend zu bewundern sind.

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Auch das Publikum am Samstag ist wahrscheinlich weniger vermögend als Autor Specht uns weiß machen will.  Denn viele Eintrittskarten gehen

CDE2019_HM_0567.JPG an die Mitglieder des hauseigenen Fitnessclubs, die nicht die sonst aufgerufenen mehrere hunderte Euro bezahlen müssen. Da sollte ein Glas Schampus eigentlich drin sein . Entgegen dem Wein zum vorzüglichen Mittagsmenü ist es das aber nicht. Auch wenn es sich bei diesen Mailändern und Norditalienern nicht unbedingt um das Äquivalent eines Hartz IV Empfänger handelt, würde die Vermutung, jeder davon sei ein Milliardär, bedeuten, sie in Sippenhaft zu nehmen. In jedem Fall sind die Karten alljährlich ausverkauft.

Vor 90 Jahren erfand das Hotel den Concorso, um in der Vorsaison die Zimmer voll zu kriegen.  Das gelingt auch heute und die Preise werden gewiß eine soziale Auslese bedeuten. Aber ist das Grund genug für eine solche Gehässigkeit?

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Auch die Teilnehmer müssen übrigens einen ordentlichen Obolus entrichten, um ihre gepflegten Karossen präsentieren zu dürfen. Das gilt auch für den Eigentümer eines 1985iger Aston Martin V8, der dem Autor nicht würdig genug erscheint. Er dürfe nur teilnehmen, weil einer der Vorbesitzer Elton John gewesen sei. Einerseits mäkelt Specht über die vermeintlichen Millionenwerte, andererseits kann es ihm wohl nicht teuer genug sein? Unabhängig vom Vorbesitzer ist der Aston in diesem Zustand aber auch deutlich mehr als 100.000 Euro wert, Zu billig für Spechts Vorurteil? Dieses Exemplar dürfte nicht nur wegen des Pop-Barden einen höheren Preis erzielen, handelt es sich doch um ein von einem renommierten Spezialisten “aufgebohrtes” Exemplar. Der Wagen, dessen Vorgänger übrigens auch James-Bond-Darsteller Roger Moore in der legendären Serie “Die zwei” pilotierte konkurrierte seinerzeit mit einem Ferrari Dino, am Steuer Hollywood-Star Tony Curtis. Moore musste als James Bond Lotus fahren.

“Aber Geld ist am Comer See eh nicht das Thema. Man hat es im Überfluss. Vielfach kümmert sich ein Team von Festangestellten um die Wagen seines Besitzers.”  Perfider geht es nimmer. Denn viele der hier präsenten Sammler haben gleich eben eine ganze Sammlung. Bestünde die aus Bildern würde ihr Wert und ihre kunstgeschichtliche Bedeutung mit Ehrfurcht  im Feuilleton der mit stetem Bedeutungsverlust kämpfenden Konfettikanone der Demokratie gewürdigt. Aber Autos machen Specht nicht nur neidisch. Man kann sie auch nicht einfach an die Wand in einem wohltemperierten Raum nageln. Sie müssen gepflegt, gehegt und bewegt werden, um erhalten zu bleiben. Und wenn dafür ein paar oder mehr helfende Hände erforderlich sind, werden auch noch Arbeitsplätze geschaffen.

 

Lieber Herr Specht: Nur kein Neid.

 

Foto Credits: BMW Group Classic

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