Der Concorso ist nicht in´s Wasser gefallen

von CARL CHRISTIAN JANCKE

“It never rains in Southern California”, in Norditalien gibt es dagegen keine Sonnengarantie. Und das kühle Wetter war am letzten Maiwochenende auch wirklich kein Indiz für einen Klimanotstand. Das hielt Veranstalter, Teilnehmer und Besucher nicht davon ab, mit dem Concorso D´Eleganza in der Villa d´Este am Comer See ein Hochamt für´s klassische Automobil zu feiern.

50 automobile Prätisiosen konnten am Samstag und Sonntag bewundert werden und das Publikum und die Jury einigten eingedenk der Brillianz des Alfa 6C 2900B  auf den gleichen den gleichen Sieger, eine Seltenheit. Das gab es das letzte Mal 2013, als Ralph Lauren seinen Bugatti präsentierte. CDE2019_PB_03511937 Alfa Romeo 8c 2900 B Quelle: BMW Group Classic

90 Jahre Concorso, 20 Jahre BMW

Doch vom Alfa später mehr: Der Concorso wird bereits seit 1929 ausgetragen und seit 1999 ist BMW eine treibende Kraft hinter diesem Wettbewerb, ohne sich in den Vordergrund zu spielen. Augenmaß prägt den Auftritt der Bayern, die mittlerweile als BMW Group Classic firmieren. Daran ändern auch gleich zwei BMW 507 nichts, die im Rahmen des Concorso präsentiert wurden. Der aufwendig restaurierte  weiße “Elvis”-507 wird solange auf einer stilisierten Schallplatte vorgeführt, bis niemand mehr weiß, wer Elvis Presley war.

DSC00330

Wie funktioniert eigentlich ein Concorso? 

Grund genug, vielleicht mal zu erklären, wie so ein Schönheitswettbewerb funktioniert, der mit einer Miss-Wahl nicht zu vergleichen ist. Ein festes Regelwerk mit vielen Experten und noch mehr Expertise sucht nach dem außergewöhnlichen Auto.  Dabei geht es um Eleganz, Originalität und Historie.


Selecting Committee” und “Jury

Kreti und Pleti werden auch nicht vorgelassen. Nach der Definition der einzelnen Klassen prüft schließlich ein hochkarätig besetztes “Selecting Comittee”, ob die Bewerbung eines Fahrzeuges als würdig angesehen wird. Nur dann darf der Teilnehmer seine Brieftasche zücken, um neben Transport und Präsentation auch noch einen Obulus an die Veranstalter zu entrichten.

Und wie aus dessen Kreisen verlautet, kann nicht jeder Ferrari 250 GTO-Eigentümer damit rechnen, dass seine Bewerbung erfolgreich ist (Eines der 39 gebauten Exemplare  wechselte gerade für knapp unter 60 Millionen Dollar den Eigentümer). Doch damit ist erst die erste Hürde geschafft. Über Preise und Platzierungen entscheidet eine hochkarätige Jury aus Experten und das Publikum.

Die nimmt in Dreiergruppen jeden Wagen in Augenschein. Der Eigentümer versucht wortreich, sie von dessen Einzigartigkeit zu überzeugen. Eine ordentliche Dokumentation im Aktenordner ist zu Hand und wenn der Motor beim Anlassen auch noch problemlos anspringt und ruhig läuft, weicht beim Eigentümer die Anspringung, wenn die Juroren sich nach der Inaugenscheinnahme per Handschlag verabschieden, um sich in einer Ecke zu beratschlagen. Sollten sie sich für sein gutes Stück entscheiden, muss es das Auto nur noch aus eigener Kraft auf die Rampe schaffen, um die Trophäe in Empfang zu nehmen.

10 Ferrari  

Beim Concorso waren gleich drei 250 zu sehen. zwei GT Competizione mit stattlicher Rennhistorie  und ein Shortweelbase California Spider mit illustrer Geschichte: Der Wagen hat einst dem Schauspieler Alain Delon gehört. Und auch wenn sein Ruhm und der seiner Gespielinnen Brigitte Bardot oder Jane Fonda langsam verblasst, wird seine Wiederentdeckung als Scheunenfund der Sammlung “Baillon” im Gedächtnis bleiben. Bei der Versteigerung von Artcurial in Paris 2015 erzielte das damals verstaubte Restaurationsobjekt den Höchstpreis: 16 Millionen Euro.

Auch zwei Ferrari 275 GTB tauchten in der Teilnehmerliste auf, die aus der Nachfolgereihe des 250 stammen. Die Zahl bezeichnet zunächst einmal den Hubraum der Zwölfzylinder-Frontmotoren – pro Zylinder. 250 ccm lassen auf drei Liter schließen, 275 subsummieren sich auf 3,3 Liter.

Wert und Exklusivität

Quelle bis auf´s Seitenfenster: BMW Group Classic

Wert und Exklusivität richten sich aber weniger nach dem Hubraum sondern nach Stückzahl, Karosserieform, Historie und Vorbesitz. Zwischen den preiswertesten Modellen und den teuersten einer Baureihe liegen nicht ein paar Hunderttausend Euro sondern schon mal ein paar Millionen.

So auch zwischen den zwei präsentierten 275 GTB Modellen. Die Zahl hinter dem Querstrich liegt beim 275 GTB/4 steht für den Motor mit  vier Nockenwellen. Es ist der entscheidende Unterschied zum vorher produzierten “Longnose”, dessen Karosserie er weitgehend übernahm. Unter dem Blech war der Wagen von ganz anderem Holz geschnitzt. Er nahm zahlreiche Anleihen an seinen Nachfolger, die 365-Familie. Dieses Exemplar ist eins der letzten  der von bis Ende 1967 gebauten 333 Exemplare des 275.

Sehr viel edler ist der 275 GTB/C oder Competizione, eins von 12 Rennfahrzeugen, dessen Blechkleid eben nicht aus Blech sondern Alumminium bestand, die Karosserie war obendrein nur halb so dick wie die Serie. Immerhin auf einen Gesamtsieg brachte es der Gran Torismo, am Steuer vermutlich ein Gentleman-Driver, diese Historie macht den Wagen also nicht besonders. Die geringe Stückzahl und das Alu schon.

Wer ein Haar in der Suppe sucht, findet auch eins: 20 Prozent der präsentierten Fahrzeuge trugen das Cavallo aus Maranello als Wappentier auf der Motorhaube. Ein solcher Marktanteil  wäre ein Albtraum für jeden Ferraristi. Der Wert der Wagen würde sich verflüchtigen. Denn ihr großes Kapital bleibt ihre Seltenheit. Das zeigte sich in den siebziger und achtziger Jahren. Enzo Ferrari baute Sportwagen um den Rennstall zu finanzieren. Nach Übernahme durch den FIAT Konzern zählte nur noch die Stückzahl. Je mehr Ferrari gebaut wurden, desto weniger war jeder einzelne wert. Neuere Ferrari sind deshalb seltener bei den Concours-Veranstaltungen zu finden. Nicht nur, weil sie vielleicht weniger elegant sind wie die früheren Legenden.

 

Quelle: BMW Group Classic

Ein Concorso für´s ganze Volk

Der Concorso ist ein Event fürs ganze Volk. Am Samstag flaniert die gehobene Gesellschaft rund um das Luxushotel Villa d´Este. Neben der Jury haben sie Gelegenheit auf kleinen Stimmkarten ihre Favoriten zu wählen. Der Publikumspreis wird noch am gleichen Tag bekannt gegeben. Am nächsten Tag werden die guten Stücke zur Villa Erba ein paar Kilometer seeaufwärts präsentiert. Familienfreundliche Eintrittspreise sorgen für einen vollen Park.   Bei einer großen Parade erklärt der Brite Simon Kidston die Besonderheiten des einzelnen Wagens.

Quelle: BMW Group Classic

The Winner takes it all

Dass ein Auto in einer Saison gleich vier Preise gewinnt, ist mehr als nur außergewöhnlich. Unter der eleganten Supperleggera-Karosse von Touring steckt im Grunde das, was man heute einen Formel-1 Monoposto nennen würde. Mit allen Indegredenzien, die lieb und vor allen Dingen teuer sind. Sehr teuer. Angetrieben von einem Reihen-Achtzylinder aus Aluminium mit obenliegenden Nockenwellen. Ein hinten liegendes Transaxle-Getriebe brachte die Kraft auf die Hinterachse und verbesserte die Traktion. 220 km/h Hochgeschwindigkeit waren damals ein unvorstellbares Ergebnis. Von dem eleganten Supersportwagen wurden mit unterschiedlichen Radständen überhaupt nur 30 Stück gebaut, mit langem innerhin 10 davon. Diese Berlinetta war die erste von fünf überhaupt gebauten Exemplaren. Atemberaubend. Ob der Bugatti La Voiture Noire, der gerade für 16,7 Mio. Euro verkauft wurde (nicht an Christiano Ronaldo), in seine Fußstapfen tritt, ist trotz 1500 PS und 16 Zylindern ungewiss. Hier hatte der Bugatti immerhin seinen ersten Auftritt am Comer See als moderner Prototyp. Vielleicht in ein paar Jahrzehnten wieder. Immerhin ein Einzelstück.

CDE2019_HM_0539

Tribute to Marcello Gandini

Wenn man sich fragt, warum italienische Entwürfe diese Concorsos beherrschen: Marcello Gandini ist einer von denen, die dafür die Schuld tragen. Der ehemalige Bertone-Chefdesigner hat seinen Ruf in Blech und Aluminium gemeißelt. Am Comer See ist wie immer ein Lamborghini Miura zu sehen, der erste “Super-Sportwagen”, der nicht nebenher für die Rennstrecke entwickelt wurde. Seine Bestimmung war die Landstraße. Gandinis erster hier gezeigter Wurf war ein ganz großer.

DSC00380

Die zweite Reminizenz ist der Lamborghini Marzal, der aus  der Schweiz nach Cernobbio zurück kehrte. 2011 wurde das Auto hier bei der Auktion in der Villa Erba, die nur einen Steinwurf entfernt lag, für 1,5 Mio Euro versteigert, in einem restaurierungsbedürftigen Zustand. Der Schweizer Sammler Albert Spiess restaurierte ihn gründlich und machte ihn fahrbar.

Quelle: BMW Group Classic

Den Tribut an Ferruccuio Lamborghini präsentierte Nuccio Bertone auf dem Genfer Salon 1967, Eine geniale Vision, die die Zukunft noch nicht eingeholt hat. Und kein Traumauto, sondern ein Ideenauto. Ein spektakulärer Viersitzer, den hinteren musste eine Bank des Zwölfzylinders weichen. Doch so passte er immer noch nicht in die zeitlose Gandini-Konstruktion.

Quelle: BMW Group Classic

Er wurde schlicht gedreht. Das schuf eine andere Besonderheit, die dem Piloten des Einzelstücks eine besondere Abstraktionsgabe abverlangt: Das Getriebe funktioniert umgekehrt: Wo sonst der erste Gang eingelegt wird, liegt hier der vierte. Eine anspruchsvolle Herausforderung, der sich 2018 beim Grand Prix von Monaco Fürst Albert für eine Ehrenrunde über die Rennstrecke stellte. DSC00404

Gerüchte besagen, auch an der ersten Fünfer-Limousine (E12) habe Gandini seinen Anteil. Das sieht so nicht aus, wenn man den in Cernobbio für den Concorso extra enthüllten BMW Garmisch betrachtet. Hauseigene Autodesigner waren seinerzeit noch nicht die Regel und so suchten die italienischen Studios auf den Messen die Aufmerksamkeit der Hersteller mit atemberaumenden Designstudien zu erwecken.

Doch das Auto, unter dem sich die Technik des 130 PS starken BMW 2002 tii verbarg, verschwand auf Nimmersehen. Und so entschied sich BMW-Chefdesigner Adrian van Hoydonk, den “Garmisch” nur auf der Basis von alten Schwarz-Weiß-Fotos auferstehen zu lassen. Eine Huldigung, die nicht jedem zuteil wird.

Quelle: BMW Group Classic

Designelemente des filigranen E 12 lassen sich allerdings nicht finden, der ja zwei Jahre später erschien und der dem damals frisch von Mercedes-Benz abgeworbenen Chefdesigner Paul Bracq zugeschrieben wird. CDE2019_PB_1713

Marcello Gandini Quelle BMW Group Classic

Die Studie muss inspirierend gewesen sein für viele Autos, die das Straßenbild der siebziger und frühen achtziger prägen. Die viereckigen Einzelscheinwerfer unter Glas erinnern an den Peugeot 604, die Türgriffe  an den Fiat X 1/9, die flächige C-Säule an die Alfetta und der abfallende Kofferaumdeckel an eben jenen BMW E12 und den ersten Siebener BMW (E23). Keinen Niederschlag in die Formensprache fand die stilisierte Niere und die Lamellen in der schräg stehenenden Heckscheibe, die durchaus in der Lage sein dürften, die Temperatur im Innenraum zu lindern.

Der 10 Zoll-Schminkspiegel auf der Beifahrerseite ist eine Reminizenz an ein anderes Frauenbild. Seit dem zweiten Siebener (E32) gibt es aus Gründen der Gleichberechtigung einen solchen auch auf der Fahrerseite in der Sonnenblende. Der BMW Garmisch hat jedenfalls, obwohl verschollen, viele Spuren in der Formensprache des modernen Automobils hinterlassen.

 

Wie wär´s mit einer Dieselklasse?

Selbst konstruktive Kritik gerät hier leicht in den Verdacht des Mäkelns. Andererseits ist das Bessere stets des Guten Feind. Und wer das Glück hatte, durch den Park der Villa d´Este zu schlendern,  stolperte schon fast zu oft über noch einen Ferrari. Der Concorso machte in diesem Jahr das Gefühl, die Geschichte sportlicher, spektakulärer und eleganter Automobile würde 1970 enden. Dabei sähe man gerne mal auch Wagen aus späteren Zeiten, etwa die Boliden der deutschen Rennsportmeisterschaft oder der Gruppe 4. Aber auch elegante Coupés wie der BMW 3.0 CSL wären eine Augenweide, auch wenn sie den stilisierten Propeller des Sponsors tragen. Immerhin war ja auch schon mal eine Designstudie, die diesen Wagen feierte, zu sehen.

Mein klammheimlicher Wunsch wäre jedoch auch eine Diesel-Klasse. Damit würde man ein Stück weit zur Rennaissance (kein Schreibfehler) des Selbstzünders beitragen, der schon im Mercedes C111 einen guten Job machte und zahlreiche Le Mans-Sieger befeuerte, auch wenn die die vier Ringe des Ingolstädter Wettbewerbers zieren.  Verdient hätte es der alte Rudolf. Nur Mut.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s

Blog at WordPress.com.

Up ↑

%d bloggers like this: