Eine klassenlose Gesellschaft

von CARL CHRISTIAN JANCKE

Davon hätte der prominente Jagdpächter Erich Honecker immer geträumt: Eine klassenlose Gesellschaft pirscht durch sein Revier, ohne den Bestand zu dezimieren. Die Teilnehmer der “AvD Rund um Berlin Classic Rallye sind  nur auf der Jagd nach Schläuchen und Lichtschranken. Ob am Steuer eines Bentley, Porsche, Moskwitsch oder eines giftgelben Golf Cabrio, ist egal. Die Bewunderung für sein Auto ist jedem sicher. Und am Ende gewinnt, wer auf die Hunderstelsekunde über den Gummischlauch und durch die Lichtschranke rauscht. Dieses mal ein arbeitsloser Porsche-Fahrer.

Daran ändert auch die Teilnahme von Mitgliedern des Parlamentskreises Kulturgut Automobil des deutschen Bundestages nichts  Am Steuer des US-Straßenkreuzers, den er eigenhändig aus der ehemaligen britischen Besatzungszone aus einem früheren Panzerdepot überführte, sass der Vorsitzende selbst, Carsten Müller. Viele andere Teilnehmer stammten aus dem selben Kreis, darunter Alexander Gregor, oder Ulf Schulz, die mit Hausfrauenporsche (944 Turbo) und Buckelvolvo unterwegs waren. Provozieren musste alleine MdB Christian Sauter, der es sich nicht nehmen ließ, mit einem Mercedes Strich Acht Coupé aus dem Lipper Land, der Kernregion des Klassenfeindes  und mit dessen Statussymbol anreiste. Da hätte es den Staatsratsvorsitzenden wenigstens gefreut, dass sein ehemaliges Dienstfahrzeug, ein eleganter Citroen CX mit von der Partie war. Auch mit dem ging es kreuz und quer durch die Schorfheide nordöstlich von Berlin, dem zeitlosen Jagdrevier der deutschen Diktatoren.

Rund um Berlin Classic 2019

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Ich selbst durfte mit dem AvD-Renndienst unterwegs sein, einem roten Ford 17 m Turnier, unter dessen Haube sich nicht etwa der serienmässige V-Vierzylinder (eine heute untergegangene Bauart) sondern ein 2-Liter Sechszylinder tarnte, der mit rund 90 PS eine sagenumwobene Höchstgeschwindigkeit von immerhin 160 km/h erreichte. Aus Ehrfurcht war bei mir schon früher Schluss. Aber das laufruhige und durchzugstarke Aggregat hatte mit dem leichten Auto auch ein leichtes Spiel. Für Überholmanöver des 34 PS starken AvD-Bully reichte es allemal.

Eine solche Ausfahrt senkt übrigens die Feinstaub- und NOX-Konzentration innerorts, weil man sich fast ausschließlich auf Landstraßen und asphaltierten Feldwegen bewegt. Mit Hilfe eines Roadbooks fährt man vom Start über so genannte Wertungsprüfungen zum Ziel. Man muss eine bestimmte Distanz in einer bestimmten Zeit oder mit einer bestimmten Durchschnittsgeschwindigkeit durchqueren. Lichtschranken und Schläuche, die man durch- oder überfährt, messen auf die hundertstel Sekunde genau die Geschwindigkeit und Zeit. Für mich persönlich eher ein Vorwand, am Festabend möglichst viele Pokale an möglichst viele Teilnehmer zu überreichen. Denn nur hier kann man zusätzliche Wertungsklassen vom Fahrzeugalter bis hin zur Zeitmessung (In der Sanduhrklasse darf man etwa nur mechanische Stoppuhren verwenden.) einführen, um die Anzahl der Sieger zu maximieren.

In Wahrheit haben nicht die Fahrer das Kommando, sondern hübsche Streckenposten, die obendrein mit einem Stempel auf der Bordkarte bestätigen, dass man keine Abkürzung genommen hat, um die Höchstzeit für die jeweilige Etappe nicht zu überschreiten.

Das fällt eigentlich schwer, denn in der Schorfheide sind die Straßen kilomoterlange schnurgerade Schneisen durch den Wald.  Die einzig drohende Gefahr wäre  Wildwechsel gewesen. Schon vor leichten Kurven wird, weil sie so unvermutet kommen, eindringlich gewarnt. Aber der mangelnde fahrerische Anspruch wird durch die Weite des Landes und die Schönheit des Waldes kompensiert.

Auch der Start war wenig anspruchsvoll. In der Mall of Berlin, im Hintergrund der deutsche Bundesrat, treffen die Teilnehmer auf Laufkundschaft. Die aber zeigt sich erfreut und verfolgt das Geschehen von der technischen Abnahme durch die GTÜ, dem Gruppenfoto und schließlich dem symbolischen Start mit wohlwollendem Interesse. Denn das Bad in der Menge bezahlten die Teilnehmer mit einem zähen Stopp and Go bis zum Stadtrand.  Wenn aber ein paar Passanten ihre Sympathie zum klassischen Automobil entdeckt haben, ist schon viel gewonnen.

2017-05-12-13-VJR-AVD-RUB-9380 heidi hetzerManche erinnerten sich daran, dass hier noch vor kurzer Zeit die Legende Heidi Hetzer die Startflagge geschwungen hatte, um die Teilnehmer auf die Strecke zu schicken. Sie ist vor ein paar Wochen plötzlich gestorben.

Die Umgebung Berlins ist durchsetzt mit ehemaligen Miltärflughäfen der DDR oder der Sowjet-Armee. Der in Finowfurt nennt sich vielleicht etwas übertrieben “Luftfahrtmuseum”. Seit 1992 kann man hier den Zerfall der ein oder anderen Mig und des Fuhrparks von Interflug – Fluggeräten zusehen. Doch der morbide Charme des Chaos und der leckere Kuchen machten die Pause zum Gewinn. . Und das alte Rollfeld bot ausreichend Platz für eine weitere Wertungsprüfung. Der Autor verwechselte dabei die Lichtschranke mit dem Stativ des Fotografen. Mehr als 500 Strafpunkte kann man nicht kassieren. Peinlich, peinlich.

 

Auch dem Auge des Betrachters hatte das Starterfeld einiges zu bieten.  Der Weltkriegsjeep (Lizenzproduktion von Ford) wirkt auf dem verlassenen Kasernengelände fast wie eine verspätete Demütigung. Das Cadillac Cabrio kommt daher etwas versöhnlicher daher. Die Bilder zeigen jedenfalls eindrucksvoll die Vielfalt eines solchen Feldes, das viele ganz unterschiedliche Facetten der historischen Automobilkultur auf die Straße bringt. .

Die wurde am zweiten Tag aufs “Driving Center Groß Dölln” gespült, einem – man ahnt es schon –  ehemaligen Militärflugplatz, der allerdings mehr der Fahrdynamik gewidmet ist. Für die Teilnehmer ging es nicht um Geschwindigkeit sondern nur um Gleichmässigkeit.  Das liess den Fotografen genug Zeit, die nicht allzu schnellen Fahrzeuge abzulichten.

Erst danach durften die Autos zum freien Fahren auf den Racetrack. Die zwei Fotos vom BMW 3.0 Si von 1971 sagen alles über die Geschichte des Viertürers mit dem Sechszylindermotor. Diejenigen, die die Münchner für die Aufsteigermarke gewonnen hatte, waren Selbstfahrer. Der erste Siebener – oder sagen wir das erste Chauffeur-Auto – war denen zu behäbig und auch zu schwer. Sie schwenkten ab 1977 auf den Fünfer um, den die im Aufbau befindliche  Motorsport GmbH bot unter der Ladentheke mit 3.0 und 3.3 Liter Motoren ausgestattete Fünfer. Das erste Werkstuning.

 

Der 944 Turbo wurde lange nicht ernst geworden. Dabei hat er, richtig motorisiert mit dem Transaxle-System das der 911er Heckschleuder weitaus überlegenere Antriebskonzept.

Die Nacht verbrachte die “Jagdgesellschaft” im Hotel “Döllnsee”. Das Haus ist auch ein Zeitzeuge. Denn sein Bau ist der anderen deutschen Diktatur zu verdanken. Hermann Göring benutzte es als Gästehaus für sein naheliegendes Domizil “Karinhall”. 1994 wurde es mit zwei zusätzlichen Flügeln als Hotel einer vernünftigen Nachnutzung zugeführt. Es liegt idyllisch am See und bot auch für tschechische Gruppe genügend Platz, die mit ihren Sportwagen das Driving Center nutzten. Nur an der Bar war es etwas eng.

Am zweiten Tag gab es noch ein besonderes Highlight. Der  Mercedes 300 SL Papst Hans Kleissl himself empfing uns in seinem Anwesen Schloß Arendsee.. Das ist schon deshalb unvermutet, weil er sein Restaurationsgeschäft in Polling am Ammersee betreibt. Unverhofft kommt oft.

Kleissl meinte, er wollte schon immer ein Schloss besitzen und erzählte höchstselbst die Historie des Hauses und wie er dazu kam, es zu erwerben. Die Bewirtung war vom Stil her mit das Beste, was man im Osten Deutschlands bei solchen Veranstaltungen bekommen kann. Bei den Herden kein Wunder.

Vom Schloßpark ging es dann auf die Strecke zum Marktplatz in Templin, wo die örtliche Stadtmarketing-Gesellschaft die Werbetrommel gerührt hatte. Das war dann für beide Seiten ein anheimelndes Gefühl: Für die empfangenden Reisenden in ihren geschmeidigen Wagenund für die jenigen Brandenburger, die sich über den Anblick von rund 50 klassischen Automobilen freuten. Ein krönender Abschluß. DSC00196DSC00142DSC00217

P.S.: Wer sich über die despetierlichen Einordnungen des Geländes in die deutsche Geschichte wundert, dem sei gesagt, dass es hier bei Drehmoment eben darum geht, das klassische Automobil in einen Gesamtzusammenhang zu stellen.

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