RM Sotheby`s: In Essen kam viel Plastik unter den Hammer!

eine Analyse der Auktion von CARL CHRISTIAN JANCKE

Von dem Britisch-Amerikanischen Auktionshaus ist man sonst Glamour gewohnt. In Paris steht ein prächtiges Zelt vor dem angestrahlten Invalidendom und am Comer See werden die zu versteigernden Autos im Park der Villa Erba illuster präsentiert. In der Ruhrpott-Metropole Essen mussten die vornehmen Angelsachsen in den Keller. Und versteigerten schnöde GFK-Boliden, die man früher im Rotlichtviertel antraf. Doch der Erfolg gibt RM Sotheby`s Recht.

149.500 Euro brachte ein 560 SEC AMG 6.0 “Wide Body”, eine weitere wenig dezent verspoilerte Variante mit der Ausbaustufe 5.4 brachte es gar auf 161.000 Euro. 

18,7 Millionen EURO Erlös und 86 Prozent verkaufte Fahrzeuge können sich sehen lassen. Immerhin kamen 229 Autos zum Aufruf. Das macht einen Durchschnittswert von rund 80.000 Euro aus. Bedenkt man, dass alleine auf zwei Autos erfolgreiche Gebote von rund 3 Millionen Euro abgegeben wurde, (Mercedes 540 K Cabrio 2,2 Mio Euro, Lancia Delta S4 Stradale), dann sinkt er unter 70.000 Euro. Und das ist gut so.

Range Rover Classic

Auch diesen viertürigen Range Rover “classic” mit Erstzulassung in 1995 hätte man hier nicht vermutet. Das Auto bekommt nicht mal H-Kennzeichen. Der Zuschlag fiel bei 25.300 Euro.

Denn früher deckten sich Autohändler auf solchen Veranstaltungen mit Nachschub ein. Diese Funktion ist in den Hype-Zeiten etwas in Vergessenheit geraten und nun widmet man sich wieder dem Stammgeschäft. Für RM Sothebys kein Grund zum Jammern. Vom Käufer kassiert der Auktionator zwischen 15 und 12,5 Prozent (ab 200.000 Euro Hammerpreis). Es dürften also zwischen 1,5 und 1,8 Mio. Euro hängenbleiben. Davon lässt sich die Miete für den Keller, den die Veranstalter der Technoclassica “Halle 1 A” nennen, gut finanzieren. Und es bleibt garantiert noch was hängen.

Hoffnungsträger LanciaLancia Fulvia 1 komma drei

Diese 71er Lancia Fulvia Coupé Rallye 1.3 S fand für 24.725 Euro einen neuen  Besitzer. Eine 1,6 HF “Fanalone” kostete gleich fast 70.000 Euro. 

Die Marke Lancia fiel dem Badge-Design des im letzten Jahr verstorbenen Fiat-Chef Sergio Marchionne zum Opfer. Der hatte nach dem Erwerb von Chrysler einfach das Lancia-Markenzeichen an Autos wie den antiquierten 300 M geheftet, um die Marke aufzuwerten. Verloren haben beide: Chrysler in Europa und Lancia, deren Markenwert so ruiniert wurde.

Auf die automobilen Klassiker der Marke hat der Schaden weniger Einfluß genommen als gedacht. Auch in Essen standen viele  Fulvias, leichtfüssige Sportcoupés´, die auf jeder Winterrallye eine gute Figur machten. Auf der Auktionsbühne kamen gleich drei späte Ikonen unter den Hammer.

Lancia Stratos Stradale 03

Lancia Stratos StradaleEin atemberaubender Stratos Stradale von 1975. Damals hatte Lancia  mit diesem Auto, unter dem sich viel Mittelmotor–Technik etwa aus Dino und Ferrari 328 findet, ein Sieg-Abonnement in der Rallye-WM. Und für die zivile Version wurden 545.000 Euro fällig.

Der Nachfolger 037, mit dem etwa Walter Röhrl unterwegs war, kostete ebenfalls in seiner zivilen Variante 770.000 Euro.

Lancia Delta S4 Stradale 02.JPG

Das wurde nur von dem waffenscheinpflichtigen Modell unter den drei präsentierten Lancias, einem Delta S4 Stradale überboten.  1 Million und 50.0000 Euro kostete die Homologationsvariante des Gruppe B – Rallye-Wagens. Deren technische Bestimmungen machten aus dem optischen Derivat des Golf-Gegners kein Geschoß sondern eine Rakete. Aufgrund zahlreicher Todesopfer wurde die Gruppe B 1986 eingestellt. Unter 3 Sekunden von 0 auf 100 durchs Unterholz katapultiert zu werden,  war einfach zu schnell.

 

Heimlicher Star:  “AMG” 500 TE ohne Originalitätsgarantie bringt 143.750 Euro

S 123 500 TE 04

Als Mercedes 1977 das T-Modell präsentierte, galten “Kombinationskraftwagen” hierzulande als Autos für Maler, Lackierer und sonstige Gewerke. In den USA war das anders. Da war ein Kombi ein schickes Familienauto. Und deshalb brauchte Mercedes auch ein solches Modell. Das T-Modell (steht nicht nur für Transport sondern auch für  Touristik).

 

Auf dem deutschen Markt gab es sowas nur von Ford (Granada) und Opel (Rekord).Nonkonformisten griffen zu Volvo (145/245), Peugeot (505) oder Citroen (CX). Mit dem T-Modell machte Mercedes den Kombi als Familien- und Freizeitauto salonfähig. BMW brauchte bis zum echten Touring noch mehr als 10 Jahre und Audi war ein Beamtenauto und kein Premiumprodukt. Der erste “Avant” war obendrein eine Schräghecklimousine mit Heckklappe á la Volkswagen Passat.

S 123 500 TE 02 Motor

Die stärkste Motorisierung des 123iger T-Modells endete bei damals beeindruckenden 185 PS  im 280 TE. Die waren aber soweit vom Granada nicht weit entfernt, der auch mit einer Sechszylinderkonstruktion und ein paar PS weniger zu haben war.

500 TE S123 03

Dass AMG auf die Idee kam, in die Familienkutsche den frühen 5 Liter V8 zu implementieren, ist ein schöner Traum. Ob es die Affalterbacher im Fall dieses Kombis tatsächlich waren, ist unbekannt. Das in die USA ausgelieferte, hier präsentierte Modell ist auch sonst ein Mischmasch, verfügt er doch nicht über die dort vorgeschriebenen dicken Stoßstangen, Positionsleuchten und Einzelscheinwerfer.

Dass fast 150.000 Euro für dieses Exemplar bezahlt worden ist, erklärt sich aus der perfekten Faszination des Stückwerks. Es ist allseits bekannt, dass die Struktur im Vergleich zur Limousine unter der geringeren Stabilität des Kombis leidet, wenn die rohen Kräfte des Achtzylinders an den angetriebenen Hinterrädern zerren. Der Kaufpreis operiert deshalb grammatikalisch im Imperfekt. Und das gilt nicht nur für die lückenhafte Historie. Dafür dürfte es sich in jedem Fall um ein veritables Einzelstück handeln, das viel Fahrspass verspricht.

 

Alpina – für den gepflegten Herrenfahrer

Der einstige BMW-Hausfriseur Alpina wandelte sich schon in den Achtzigern zum bevorzugten Ausstatter für den dezenten Herren.  Weil die M-Modelle lange nicht als Automaten zu bekommen war, bot Alpina diese an. Und weil BMW auf hochdrehende Mechanik setzte, gab es bei Alpina eben eine aufgeblasene Turbo-Variante. Und meist einen zusätzlichen PS-Aufschlag.  Und die Familie Bovensiepen (Alpina-Eigner) setzte früh auf Umweltschutz: Das Coupé ist eines von 17 mit Katalysator. Die Einsparung der KfZ-Steuer dürfte nicht den Ausschlag geben, die 10 PS Leistungseinbuße gegenüber dem Modell ohne KAT dürfte wenig stören, zumal das Wettbewerbsmodell aus München, der M635 CSI mit M1-Motor bescheidene 286 PS auf die Hinterachse brachte.

Das vom Kunden selbstgewählte Interieur zerstört die Allgäuer Bemühung um Dezenz und verlangt bei den Passagieren nach einer Sonnenbrille. Wer 103.500 Euro bezahlt, kriegt das auch noch hin.

FAZIT

R5 Turbo 2 02

Dem in Deutschland als Platzhirsch auftretenden Auktionshaus “Coys” ist mit RMSothebys endlich ein seriöser Wettbewerber erwachsen. Bei RMSothebys hatte man lange erklärt, Deutschland sei einfach kein Markt für Auktionen. Die Deutschen wollten immer “Probe fahren”. Beim Auktionieren gilt aber eben: Gekauft wie gesehen, wenn der Hammer fällt.

Der Platz für den ersten Auftritt auf deutschem Boden war klug gewählt. Zur Technoclassica kommen nicht nur Deutsche sondern auch viele Besucher aus ganz Nordeuropa. Skandinavien und die BENELUX-Staaten sind nicht nur unter den Ausstellern stark vertreten.

Bei aller Vorsicht gilt auch, Auktionen sind ein wichtiger Vertriebskanal. Rund 30 Prozent aller Verkäufe wertvollerer Autos werden hier abgewickelt. Und gerade in einem derzeit umsatzmässig sinkenden Markt gibt ein solches Ereignis zusätzliche Impulse.

Der geringe Glamour-Faktor hat der Sache gut getan. Die profane Ausstellung im Keller und die Auswahl der Fahrzeuge mit Bodenhaftung, die nicht nach einer Ansammlung von Millionären schreit, denen in ihrer Sammlung noch irgend ein 250 GT, SWB oder LWB feht, war ein kluger Schachzug. Ich habe nichts gegen Millionäre und wäre gerne selber einer. Aber sie sind auf Dauer zu rar gesäht, um den Markt zu bestimmen.

Und manche sind auch in einem Alter, in dem sie nicht mehr an zusätzliche Anschaffungen denken. Und so gibt es nicht nur bei den potentiellen Käufern einen Generationenwechsel. Sondern auch bei den aufgebotenen Fahrzeugen. Nach Jahren tut die geringe Anzahl an 300 SL Flügeltürern und diversen Porsche 356 und 911 gut, die das Auktionswesen doch in den vergangenen Jahren beherrscht hatten.

Bei näherem Hinsehen verwundert es nicht, dass Produkte der ehemaligen Frisierstudies Alpina und AMG hoch im Kurs stehen. Es ist nur eine Frage der Zeit, dass mit der Marke Audi auch der Haustuner Abt derzustösst. Gegenüber der Markenware haben die getunten Fahrzeuge  den Vorteil der Seltenheit. Und das erhöht den Fahrzeugwert. Und die unzureichende Dokumentation, die gerade AMG trifft, lässt Raum für Spekulationen.

Und für viele alte weisse Männer kommt es überraschend. Einer der alten Platzhirsche sprach mir gegenüber gar von einer Youngtimer-Schwemme. Auch wenn die Zahlen eine andere Sprache sprechen. Jedes Jahr wächst der Bestand  an zugelassenen Fahrzeugen über 30 Jahren solide um jeweils 10 Prozent.  Es bleibt eigentlich alles beim alten.

 

alle Foto Credits: RM Sothebys

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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