GfK wird salonfähig: 300.000 Euro für einen verbreiterten SEC

von CARL CHRISTIAN JANCKE

In den achtziger Jahren war Kunststoff-Tuning en Vogue. In bestimmten Kreisen konnten die Kotflügel nicht breit, die Schweller nicht dick und die Frontschürzen und Heckspoiler nicht groß genug sein. Spätestens in zweiter Hand schmückten die Plastikwunder in der Regel die Rotlichtviertel oder vergleichbar beleumundete Gegenden.

Das hat sich nun scheinbar geändert. Fahrzeuge der Firmen Abt, AMG oder Alpina haben sich mittlerweile auch bei Liebhabern automobiler Klassiker etabliert, wenn das Optik-Tuning durch einen Leistungszuwachs seine Rechtfertigung erfährt. Das war beim  AMG Mercedes-Benz 560 SEC unbestreitbar der Fall, der Achtzylinder bringt es auf 385 statt auf die serienmäßigen 241 PS.

So stark war derzeit nur der handgeschaltete serienmässige BMW 850 CSi, der allerdings auch vier Brennräume mehr zu bieten hatte und ohne Kunststoff-Zierart auskam. 1903115 560 SEC Widebody RM Sothebys Paris 02

297.000 Euro erzielte im Februar  ein AMG 560 SEC bei RM Sothebys unter dem Invalidendom in Paris während der Retromobile. Im März wechselte beim gleichen Auktionshaus im amerikanischen Amelia Island ein vergleichbares Exemplar “nur” 179.000 Dollar. . In Fort Lauderdale brachte 2018 ein das AMG Coupé auch nur 110.000 Dollar. Der nächste Lackmus-Test kommt während der Technoclassica in Essen. RM Sothebys versteigert bei ihrer ersten Auktion auf deutschem Boden einen “Wide Body”und erwartet zwischen 90.000 und 120.000 Euro Deutschland ist kein leichtes Pflaster für Auktionen. Und die Boomzeiten sind vorbei. 1903115 560 SEC RM Sothebys 02

Bemerkenswert bleibt der enorme Preisunterschied zum serienmäßigen Modell, das nur die berühmten nach dem Designer benannten “Sacco-Planken” aus Kunststoff an der Karosse trägt. 2006 wurde ein solches Exemplar noch für schlappe 3.210 $ versteigert, 2016 waren es dann schon 30.000 Euro. 1903115 560 SEC RM Sothebys 01

Bei den Bayern ist die Lage etwas differenzierter. Schließlich überließ man den Markt für leistungsgesteigerte Fahrzeuge nicht nur den Tunern Schnitzer oder Alpina. Sondern bot solche unter dem  Buchstaben M als Motorsport GmbH gleich selber an und grub so den Tunern das Wasser ab. Aber die sind heute immer noch deutlich teurer als die Serienderivate aber nicht notwendigerweise als die leistungsgesteigerten M1, M3, M5 M635 CSi, die hießen erst in der zweiten Generation nach der Jahrtausendwende M6. Einen M8 hat es bisher nie gegeben und auch die Luxuslimousine Siebener war bis zum laufenden Modell nicht aus dem Hause M zu bekommen. Die Tuner konzentrierten sich deshalb auch auf diese Nischenrolle oder boten wie etwa Alpina eher komfortbetonte Hochleistungslimousinen oder seit den Neunzigern komfortbetonte Varianten der sportlichen M-Modelle. Auch der erste getunte Diesel kam von Alpina. Während die Motorsport GmbH einst auf hochdrehende Aggregate setzte, gab es von Alpina fast immer mit einem Turbo aufgeladene Fahrzeuge.

1903 ESSEN ALPINA B7S

Auf der Technoclassica in Essen wagt RMSothebys gleich zwei Premieren: Erstens betritt man als Auktionshaus deutschen Boden, der bisher für Auktionatoren als nicht besonders erfolgsträchtig galt. Und zum zweiten konzentriert man sich erstmals auf “The  Youngtimer Collection”, eine Fahrzeuggruppe, die sonst allenfalls unter “ferner liefen”, reussierte.  Und so sind neben zahlreichen AMG-Modellen auch getunte Exemplare von Alpina zu haben.

1903 ESSEN BMW 635 CSi

Die sind in den Achtziger Jahren bei den Karosserieverformungen in der Regel deutlich dezenter wie die Schwabenpfeile aus Affalterbach. Unter der Haube stillt dagegen der konsequente Einsatz von Turboladern  den Leistungshunger der Klientel. Für den Komplettumbau Alpina B7 Coupé mit 300 PS werden zwischen 90.000 und 100.000 Euro erwartet. Ein schwarzes Coupé wird dagegen mit gleich 140.000-160.000 Euro taxiert.  Für das 1988iger 635 CSi (218 PS) Coupé liegt das Estimate auf der gleichen Auktion bei 40-50.000 Euro. Die Variante der Motorsport AG, den M635 CSi, liegt mit dem aus dem M1 bekannten Sechszylinder-Vierventiler mit 286 PS nicht nur leistungsmässig in der Mitte. Hier erwartet RM Sothebys um die 50.000 Euro. Leistungsbewußt tritt Alpina aus dem Allgäu auch nicht als Tuner auf sondern steht in den Papieren als eigenständiger Hersteller.

Schon 1993 zog Daimler die Konsequenz aus dem Erfolg der Motorsport GmbH und stieg bei AMG ein. Der Preisentwicklung tut das keinen Abbruch.

 

HAGI-Indizes weiterhin auf Zick-Zack-Kurs

1902 Report HAGIGefühlt sind die automobilen Klassiker-Preise im Sinkflug. Das liegt auch an den zurückgegangenen Umsätzen, nachdem man sowohl bei den Preissteigerungen und dem Volumen in den Jahren zuvor verwöhnt war. Im März 2018 lag der Index bei 330 Punkten, trotz Rückgängen im Januar und Februar um jeweils rund 2 Prozent notiert er heute noch bei rund 342.  Auch die Stimmung in den letzten Wochen auf den Messen in Paris und Stuttgart kann langsam wieder mit dem Begriff gekennzeichnet werden: verhalten optimistisch. Ein Trend bildet sich offensichtlich nicht heraus.1902 Report MBCI

Das sieht auch beim Mercedes-Benz-Classic Index by HAGI nicht anders aus. Hier lag der Tiefpunkt nur im April und im Mai hatte er den bisherhigen Höchstpunkt. Und das gilt im Grunde für den gesamten Markt. Kein Grund zur Klage.

“Gute Autos erzielen gute Preise” ist die Quintessenz von Bastian Schonauer von der Prüforganisation GTÜ.  “Aber unsere Dienste sind gut gefragt”. Bei der Nachfrage nach “Oldtimer-Gutachten”, die für H-Kennzeichen und Versicherungen benötigt werden, stellt er eher einen leichten Zuwachs fest.

 

Alle Fotos: RM Sothebys, Essen: Remy Dargegen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die HAGI-Index-Familie der Historic Automobile Group International bildet diesen Fahrzeugmarkt nur teilweise ab, eben weil die Kapitalisierung noch zu niedrig ist. Der klassische Markt stagniert weiterhin auf hohem Niveau oder gibt derzeit leicht nach. Die Entwicklung ist jedoch zu volatil, um wirklich von einem deutlichen Nachgeben zu sprechen. Insgesamt sank der HAGI TOP Index um rund vier Prozent seit Januar, klassische Porsche (HAGI P) verloren rund sechs Prozent, lediglich Lamborghini legten um 0,18 Prozent zu.

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