BREMEN CLASSIC MOTORSHOW: Viel Umsatz auf dem Kontakthof

von CARL CHRISTIAN JANCKE

Wer am Sonntag in´s legendäre Parkhaus auf der Bremen Classic Motorshow kam, konnte in die Röhre schauen. Das Angebot war schon deutlich dezimiert und an manchem Fahrzeug stand “verkauft.” Der rauhe Charme und die nordische Kälte macht diese Privatverkaufsfläche einzigartig und zieht ganze Männerhorden an Wer das hohe Lied des Abgesangs auf die Klassikerszene singt, wurde (wieder einmal enttäuscht)..

Nicht nur alte weiße Männer

 

Diejenigen, die hier ein wenig zu lange zugebracht hat erkennt man am nächsten Tage an der laufenden Nase. Der Andrang war wie immer so hoch, dass die Security Zuführung und Abgang durch das Treppenhaus organisieren konnte. Und auch wenn die Damenwelt auf diesem Kontakthof in der Minderzahl war und weniger begehrt wurde, waren es nicht nur alte, weiße Männer die sich hier für die Alltagsauto der vergangenen Jahrzehnte interessierte. Auch Altersbeschränkungen waren nicht die Regel. Die Autos mussten nicht unbedingt 30 Jahre alt sein.

 

Highlight der Garage: Mercedes AMG E 36 (W124)

Ein gut erhaltenes W124 T-Modell mit Lederausstattung und Schiebedach ist schwer zu finden. Die meisten starben den Autobahntod auf der linken Spur, wurden als Taxi gefahren, bis sie auseinander fielen oder taten treue Dienste für Handwerker, bis dass der TÜV sie schied. Die “Survivorquote” ging gen 0.

Nicht so dieses aus dem Ei gepelltes Exemplar, ein E 36 AMG, von dem keine 200 als T-Modell gebaut wurden.  Das war Papis teurer Familienlaster, mit dem man im Vor-SUV-Zeitalter auch die Nachbarskinder standesgemäß mit von der Schule abholen konnte: Die umgekehrt zur Fahrtrichtung eingebaute dritte Rückbank war selbstverständlich auch mit Leder gepolstert. So wird aus dem Kombi ein Familientransporter für sieben Personen.

Eigentlich war das Auto hier völlig deplatziert und hätte in die Kombi-Sondershow gehört, die es in den Messehallen zu sehen gab. Da hätten auch mehr Leute mitgekriegt, dass der Schnelltransporter mit unter 40.000 Euro ganz fair eingepreist war. Die 272 Pferde waren auch handgeschaltet zu haben. Weil die Achtzylinder nicht in Kombi, Coupé und Cabrio zu haben waren, war das die höchste Motorisierung für das T-Modell.

 

Ware Raritäten: Polo und Golf der ersten Serie

 

Auf der anderen Seite des Leistungspektrum präsentierten sich Autos, die auf freier Wildbahn trotz Millionenproduktion kaum noch zu finden sind. Genau genommen sind die hier gezeigten schlichten Basisversionen von VW Polo C und Golf C nach dem Facelift vom Band genommen wurden und vermitteln den Eindruck der Grundausstattung, in der Fensterkurbeln USUS waren und ein rechter Außenspiegel Aufpreis kostete, weshalb weder Polo noch Golf einen haben. Der Scirocco präsentiert sich stilecht mit breiten Puschen und der 100 Quattro ist einer der wenigen Typen, der noch mit 5 Zylinder und schon mit vollverzinkter Karosserie antrat.

 

Auch ein Nasenbär war zu haben.

So stellte sich Volkswagen Mitte der Sechziger Jahre die Mittelklasse vor. Wie althergebracht hatten die Limousinen und Kombis der Wolfsburger einen neukonstruierten Heckmotor, der sowohl mit Vergaser als auch Einspritzung zu haben war und bis zu 85 PS im 412 von 1972-74 zu haben war. Gerade mal rund 370.000 Autos wurden gebaut, das war für VW keine große Nummer, die zunächst beim Erscheinen 411 hieß. Inoffiziell wurde der  Wagen Nasenbär getauft. Immerhin erlebte das neu konstruierte Aggregat (Flachboxer) noch eine Karriere im Porsche 912 und im VW Porsche 914 und zuguterletzt die ersten drei Jahre als letztes luftgekühltes Aggregat im kantigen VW Bus ab 1978.

 

VW-Transporter: Die Dreistheit der Messe

Der weiße VW Transporter hat offensichtlich schon den Weg von West- nach Ostdeutschland und zurück gemacht. Nicht nur der Zahn der Zeit hat dabei an ihm genagt sonderrn vor allem der Rost. Wovon der Wagen noch zusammengehalten wird, erschließt sich dem Betrachter kaum. Das Preisschild lässt ihn staunen. Für den Wagen, der bestenfalls als Restaurationsobjekt und schlimmstenfalls als Organspender dienen könnte, werden 4.000 Euro aufgerufen. Die türkise Doppelkabine soll doppelt so viel bezahlt werden. Ob das wohl gelingt.

Auf dem Weg in die beheizten Hallen: BMW E30

Die Anzahl der BMW 3er  die wahlweise an den Alleebäumen ihr Leben aushauchten oder sich nicht einer GFK-Orgie oder anderen Tuning-Maßnahmen entziehen konnten, hat den Gesamtbestand der zwischen 1982 und 1994 gebauten Kompaktlimousine und ihren Derivaten Cabrio und Touring spürbar schrumpfen lassen. Jahrelang waren kaum unverbastelte Cabrios zu finden. Nun sind auch solche zwischen 15.000 und 20.000, hier zwei 320i mit dem samtweichen Sechszylinder, zu haben. Den hat auch der elegante Zweitürer zu bieten, der gänzlich im originalen Zustand erscheint.

 

Dem Dreier machen die 124er Cabrios Konkurrenz

Das erste viersitzige Cabrio seit den legendären Hoch- und Flachkühlern aus den Sechzigern ist auch schon als 4-Zylinder ein großer Gleiter mit problemloser Großserientechnik. Und die hat ihren Preis.

 

Opel-Zeugen einer großen Vergangenheit

Fachleuten stach der originale Opel Rekord aus Skandinavien ins Auge. Viel Patina macht die Mittelklasselimousine zu einer einzigartigen Erscheinung. Und der von 1968-74 produzierte Diplomat, den es wahlweise mit Sechs- oder feisten US-Achtzylinder aus dem GM-Regal gab, manifestierte den Oberklasse Anspruch. Der 5,5 Liter brachte es immerhin auf 230 PS. Kein Wunder, dass die hier gebotene Restaurierungsbasis schon zweistellig notiert.

Opels Image war seit den späten Fünfzigern im Grunde im Sinkflug. Nach dem Krieg war die Marke so etwas was heute Audi ist: Die Marke für den gehobenen Mittelstand: Vertreter, Facharbeiter aber eben auch Ärzte und Akademiker fuhren Kapitän oder Rekord. Schon in den Siebzigern war der Opel auch unter den Lehrern besonders beliebt. Erstes Zeichen eines Abstiegs? Davon zeugen nicht nur diese beiden Exemplare.

Messefazit

Mehr als 41.000 Besucher kompensierten den leichten Rückgang vom Vorgang und degradierten einen vermeintlichen Trend zur bloßen Schwankung. 677 Aussteller zeigten sich zufrieden, sagt der Veranstalter.

Mein persönlicher Eindruck: Die Leute lassen sich nicht mal von Greta Thunberg, Feinstaub und Stickoxid den Spaß am klassischen Automobil verderben und lieben ihre Autos und schauen gerne auch andere an. Und es sind nicht nur die alten, weißen Männer.

Hier unten noch ein Flickenteppich mit den Bildern, die noch übrig sind aber aus Zeitgründen nicht mehr kommentiert werden können. Sehen sie selbst.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s

Blog at WordPress.com.

Up ↑

%d bloggers like this: