Dieselfahrverbote und H-Kennzeichen? Antworten auf Fragen, die niemand gestellt hat.

von CARL CHRISTIAN JANCKE

Rudolf Körper ist einer der 15 Landesvorsitzenden des ehrwürdigen Allgemeinen deutschen Schnauferl-Clubs. Doch manchmal sind auch Würde und Torheit relativ gleich verteilt. Und als der Mann ein “Moratorium”, also einen Erteilungsstopp für H-Kennzeichen des Zulassungszeitraums von 1990 – 99 vorschlug, erwies er der Szene und dem historischen Automobil einen Bärendienst. Denn an seiner Begründung für die vermeintliche Akzeptanzsteigerung ist nix dran. gar nix. So sind es nicht die mit Katalysator ausgestatteteren Achtzylinder, die die Luft verpesten, sondern sein eigenes Gebrabbel. Wer als Funktionär für die automobile Klassiker-Szene spricht, sollte wissen, wovon er redet. 

 

Seit 1989 geregelter Kat Pflicht

Der größte Lapsus: Körper ist offensichtlich unbekannt, dass ab 1989 Euro 1 mit geregeltem Dreiwegekatalysator für Benziner vorgeschrieben war. Und denen ist ganz ohne H-Kennzeichen die Einfahrt in die Umweltzone erlaubt. Schon immer. Lediglich Diesel brauchen dafür ein H-Kennzeichen, weil sie die entsprechenden Kriterien nicht erfüllen.

Von den vier Modellen mit den meisten -H-Zulassungen waren drei überhaupt nicht mit Diesel zu kaufen: VW Käfer, Porsche 911/12 und Mercedes SL (R107). Nach Aussage des VDA sind darüber hinaus rund 1/3 der Wagen mit H-Kennzeichen Cabrios, die damals fast nie mit Diesel-Motor gekauft wurden.

Ähnlich sieht es bei den vermeintlich dreckschleudernden V8 aus, von dem der Regionalfürst spricht. Unter den 10 meist zugelassenen Fahrzeugen mit H-Kennzeichen war genau ein Modell als V8 lieferbar: Der Mercedes SL R107, der aber weitaus öfter als 280 SL und später als 300 SL (also als Sechszylinder) ausgeliefert wurde. Lediglich in den USA wurden ausschließlich Achtzylinder verkauft, von denen allerdings einige Exemplare zurück über den großen Teich gefunden haben. Die kann der gute Herr Körper aber nicht gemeint haben. Denn die genügten bereits seit den Siebzigern den hammerharten US-Abgasvorschriften und können deshalb kaum die Luft mehr verpesten als Euro 2 oder 3 Fahrzeuge. Zweites Eigentor, Herr Körper.

 

Nur rund zwei Drittel der zugelassenen Fahrzeuge über 30 Jahren haben ein H-Kennzeichen

Die Bedeutung des H-Kennzeichens wird generell überbewertet. Denn nur rund 60 nProzent der berechtigten Fahrzeugen habe überhaupt eins. Deren Fahrzeugbesitzer interessiert weder das H-Kennzeichen noch die Möglichkeit, in die Umweltzone einzufahren. Das wird bei den meisten anderen Autos nicht anders sein.

 

Ein H-Kennzeichen schützt nicht automatisch vor  dem Dieselfahrverbot.

Es kommt aber auch Dicke: Eigentor Nummer drei. Fahrzeuge mit H-Kennzeichen sind nämlich überhaupt und generell ncht vom Dieselfahrverbot ausgenommen. Sie trifft es mit voller Härte wie jedes andere Auto auch. Es sei denn, sie sind im Luftreinhalteplan als Ausnahme vermerkt. Und hier können wir Herrn Körper nun auch dankbar sein. Manch grüner Stadtrat wird nun auf die Idee, auch H-Kennzeichen mit einem Fahrverbot zu bedenken, kommen Diese Wagen sind ja kein Alltagsfahrzeug. Sie werden deshalb am liebsten auf schwungvollen Landstraßen dritter Ordnung abseits der größeren Verkehrsströme bewegt

feinstaub 02

Mangelnde Rechtssicherheit der Dieselfahrverbote

Die meisten Fahrverbote haben bisher noch keinen endgültigen Bestand. Die Bundesländer Hessen und Nordrhein-Westfalen werden den Rechtsweg bis zum Bundesverwaltungsgericht.ausschöpfen Schon das Oberverwaltungsgericht Hessen hat einen Antrag auf sofortige Einsetzung des Beschlusses eines flächendeckenden Fahrverbotes des Verwaltungsgerichts Frankfurt zurück gewiesen. Ein starkes Indiz dafür, dass es das Urteil für unverhältnismäßig hält.

Wenn das Bundesverwaltungsgericht die flächendeckenden Verbotszonen für das Ruhrgebiet für unverhältnismäßig hält, müssen alle anderen Zonen an die Kriterien  angepasst werden, weil sonst jeder Bürger das auf dem Klageweg ohnehin durchsetzen kann.

Übrigens steht nicht nur der Deutschen Umwelthilfe der Klageweg offen sondern jedem Betroffenen, spätestens wenn ein Bußgeldbescheid vorliegt. Hier spricht dann nicht die Verwaltungsgerichtsbarkeit Recht sondern das erste Verfahren wird am Amtsgericht anhängig, das zu anderen Ergebnissen kommen kann.

15 häufigsten h-kennzeichen

Temporäre Gültigkeit der Fahrverbote

In der gesamten Diskussion wird völlig ausgeblendet, dass die Fahrverbote ohnehin nur eine temporäre Gültigkeit haben, solange an den jeweiligen Messstellen und in den jeweiligen Städten die Grenzwerte überschritten werden. Werden die Grenzwerte eingehalten, muss das Verbot aus Gründen der Verhältnismäßigkeit aufgehoben werden. Das wird bereits 2019 ohne Zweifel in einigen Städten und an einigen Stellen der Fall sein. Ein sachkundiger Regionalclub-Chef hätte darauf hingewiesen.

 

Keine messbare Auswirkung auf Umsätze oder Preise

Zwar hat sich die Nachfrage auf dem Markt für klassische Automobile spürbar beruhigt und die Preise für die meisten Typen unterliegen einer Seitwärtsbewegung. Das erklärt sich aber mit den exorbitanten Steigerungen der vergangenen Jahre, die sich in dieser Form nicht aufrecht erhalten ließen. Für den Gesamtmarkt spielen die Fahrverbote keine prägende Rolle auch weil die Käufer dieser Fahrzeuge mehrheitlich nicht den Alltagseinsatz als prägendes Motiv sehen.

 

Die Mär von der Golf-Schwämme

Anders als der Wolf, über dessen Rückkehr heiß gestritten wird, hat der Golf natürliche Feinde: Rost und Verschleiß. Gerade die Dieselmodelle haben eine niedrige “Survivor Quote”, weil sich der Mehrpreis nur bei höheren Laufleistungen rechnete. Und für das Überleben ist beim Übergang vom Gebrauchtwagen zum Klassiker der Fahrzeugwert entscheidend: Reparaturen werden in der Regel nur bis zum Zeitwert durchgeführt. Ansonsten wandert der Wagen in der Schrottpresse. Das erklärt, warum derzeit rund 51.000 VW Käfer zugelassen sind und nur  etwas mehr als die Hälfte VW Golf aus den Baujahren 1975-89. Das jetzt die katalytisch gereinigten Golf III der frühen Neunzigern die bundesweiten Umweltzonen überschwemmen, steht nicht zu erwarten.

Insbesondere bei den Diesel-Modellen wird die “Survivor-Quote” weiter sinken, weil beim steigenden Diesel-Anteil die Fahrzeuge, die noch 5 bis 10 Jahre bis zum H-Kennzeichen brauchen, entweder schneller verschrottet oder aber ins Ausland verkauft werden, womit der Rettung der Atmosphäre auch nicht Genüge getan ist.

 

Die Zukunft des klassischen Automobils

Das schlimmste, was dem Liebhaber des klassischen Automobils blühen kann ist das des Pferdesports. Und selbst das ist das ungünstigst denkbare Szenario. Obwohl Pferde heute allenfalls als Sportpferde gehalten werden, gibt es Hunderttausende von ihnen und eine milliardenschwere Industrie kümmert sich um ihr Wohlergehen. Und Kutschen dürfen zwar nicht auf die Autobahn –  aber auf die Straße.

Ob Autonomes Fahren oder komplett emissionsfreies Fahren, diese Visionen müssen erstmal flächendeckend funktionieren. Und bis dahin dürfte noch viel Wasser einige Flüsse hinunterfließen.

Außerdem genießen die bereits zugelassenen Fahrzeugtypen nach geltenden Recht Bestandschutz und dürfen sicher nicht so schnell von der Straße verschwinden.

 

Fazit

Bis zu Körpers überflüssigen Statement hatten die DUH und vergleichbare “Autofreunde” den Automobilen Klassiker nicht auf dem Radar. Das ist heute anders. Die Feinde der individuellen Mobilität kennen nur lohnende Ziele. Es handelt sich also nicht um Körpers private Eigentore, sondern um die der ganzen Szene. Und sein Kommentar ist nicht nur unberechtigt und falsch.

Das klassische Automobil hat keinen messbaren Beitrag zu CO²-Bilanz, NOx und Feinstaub.

Wer sich zu einem Thema äußert, das eine solche Brisanz hat, sollte vielleicht vorher jemanden fragen, der sich damit auskennt.

 

Nicht das historische Automobil ist in Gefahr, sondern das moderne unter Beschuss, Darum müssen wir uns kümmern.

 

 

 

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s

Blog at WordPress.com.

Up ↑

%d bloggers like this: