Interessenvertreter oder Kaninchenzüchter?

Im schweren Gewässer? Foto Vivian J. Rheinheimer

von CARL CHRISTIAN JANCKE

Wenn sich sieben Deutsche treffen, dann gründen sie einen Verein, besagt ein Sprichwort. Das gilt auch für die Autoszene, in der sich in den letzten 50 Jahren sukzessive regionale, marken- oder modellgebundene und nationale Clubs und Vereine, gegründet haben, in denen Tipps ausgetauscht, Mitgliederzeitschriften herausgegeben, Stammtische, Ausfahrten, Jahrestreffen und Rallyes organisiert werden. Sie sind das Rückrat der Szene und über sie wurde bisher auch ein Großteil der politischen Interessenvertretung organisiert. Doch die Enthusiasten wechseln langsam aus dem Vereinsregister zu Facebook. Und das macht die Sache in Zukunft schwierig.

Und dieser (noch nicht eingetretene) Umstand rief auch die “Fachpresse” auf den Plan. Oldtimer-Markt gab wie alle zwei Jahre bei Allensbach eine Untersuchung in Auftrag, die feststellte, dass die “Zustimmung” zu klassischen Automobilen seit rund 5 Jahren leicht sinkt.

Produktive Unruhe brachte dann Autobild Klassic auf, als im Mai ein Artikel über “Zoff” unter den Autolobbyisten erschien. Das war natürlich leicht boulevardesk, weil es neben Gemeinsamkeiten natürlich auch Interessenkonflikte gibt, die üblicherweise gepflegt ausgetragen werden.

Denn etwa der Verband der Automobilindustrie, der hier segensreich wirkt und diejenigen unterstützt, die weitgehend kostenlos zur Markenpflege beitragen, will ja hauptamtlich dafür sorgen, dass die Hersteller neue Autos verkaufen. Und auch in den Brüsten von ADAC und AvD schlagen zwei Herzen: Eins, das durchaus auch für Liebhaber klassischer Automobile schlägt, die aber unter den Mitgliedern im Zweifel die Minderheit stellen. Und eins, das das Benzin im Blut für die Neu- und Gebrauchtwagennutzer antreibt. Und im Zeitalter von Dieselskandal, “Autonomen Fahren” und “E-Mobilität” können da schon Probleme und Prioritätenwechsel auftreten, die bisher allerdings kaum sichtbarg geworden sind.

Wer denkt, damit wären wir schon am Ende, kennt das Vereinswesen nicht. Da gibt es den alteingesessenen DEUVET, den Bundesverband für Clubs kklassischer Fahrzeuge e.V., dessen Vertreter seit Jahrzehnten über die Flure der Abgeordnetenbüros turnen. Und die Initiative Kulturgut Mobilität. e.V., deren Vorsitzender sich auch in Brüssel und Berlin um politische Einflußnahme bemüht. Und dann gibt es natürlich noch eine Vielzahl von Clubpräsidenten, Publizisten und Einzelpersonen, die durchaus hilfreich sind und sich für die Interessen des Liebhaber Klasisscher Automobile werben.

Obwohl DEUVET und IKM das selbe tun, gut dabei sind, gibt es auch bei Ihnen einen Interessenkonflikt: Sie wenden sich an die gleiche Klientel. Aber der DEUVET nimmt dafür einen vielfach höheren Beitrag. Von der Differenz kann man als Club schon mal die Weihnachtsfeier finanzieren. Und die Clubs haben ja wie gesagt dank Facebook ohnehin Nachwuchssorgen.

Diese Infrastruktur hat in den vergangenen Jahrzehnten ganz gut funktioniert. Alle politisch interessierten Verbände treffen sich zweimal im Jahr mit interessierten Bundestagsabgeordneten aus fast allen Parteien  im Parlamentskreis Kulturgut Automobil und kümmern sich um ganz praktische Probleme.  Ein solches Beispiel ist die Größe der Kennzeichen für historische Motorräder aus der Vorkriegszeit. Die heute vorgeschriebenen sind  schlicht zu groß.

Es bilden sich dann Arbeitsgruppen, die ein bestimmtes Thema diskutieren und dann dem Gremium vorstellen. So gibt es bestimmte Fahrzeuge, deren Wert oder Zustand sich nicht mit den gebräuchlichen Noten von 1 (Sehr gut) bis 5 (alle wesentlichen Teile sind im Grunde vorhanden) abbilden lässt. Auch dafür gilt: Und wenn Du nicht mehr weiter weißt, dann gründe einen Arbeitskreis.

Aber die meisten Themen lassen sich so aufarbeiten und insbesondere der Vorsitzende Carsten Müller (MdB CDU) sorgt mit seinem Team dafür, dass die zuständigen Ausschüße, Abgeordneten und Ministerien von den Ergebnissen Kenntnis haben.

Ganz so entsetzlich wie die Autobild Klassic im Mai schrieb, scheint es also nicht zu sein. Ganz so harmonisch aber eben auch nicht. Und so hatte der DEUVET die gute Idee, bei den Classic Days auf Schloß Dyck einzuladen, wie man (noch) mehr Harmonie und Effizienz erreichen könnte. Nur nicht alle und das war eine schlechte Idee. Mario de Rosa, ein schwäbischer Italiener oder italienischer Schwabe, der in Berlin und Brüssel schwer aktiv ist, war als Vorsitzender des Konkurrenten IKM nicht eingeladen. Und auch Peter Steckel, dessen Nutzfahrzeugverband unlängst aus dem DEUVET ausgetreten war, auch nicht, obwohl er einere der exponiertesten Vertreter der Szene ist und auch im Brüssler Pendant des Parlamentskreis aktiv ist.

Und hier beginnt sie nun, die prognostizierte Phase der Selbstbeschäftigung. Hinzu kommt, dass Autobild Klassic über das Treffen  berichtete und DEUVET Vorstand Ekhard Bartels mit den Worten zitierte, der IKM ginge ja bei einem Budget von 10.000 Euro schnell die Luft aus.  Der DEUVET hat nach Autobild-Angaben 70.000 EURO zur Verfügung, weil auch die Mitgliedsbeiträge des DEUVET sieben mal höher liegen, weshalb der nun wieder fürchtet, dass die IKM ihnen die Kundschaft abgräbt.

Nun fühlt sich Bartels mißverstanden und falsch zitiert, er habe sich nur auf den Autobild-Classic Artikel vom Mai beziehen wollen. Und der IKM ist erzürnt, weil er sich diskreditiert fühlt. Dabei ist deRosa überall zu finden, wo die Oldtimerei sich trifft, auch wenn er sich mal von einem in der Szene bekannten Unternehmen die Eintrittskarten für eine Messe sponsern lässt.

Beim Treffen in Jüchen gingen die Eingeladenen,  darunter auch ADAC und AvD, harmonisch auseinander und versicherten sich der Kooperationsbereitschaft. Das ist gut, aber nicht gut genug.

Die Zahl der Trittbrettfahrer wächst. Das sind Leute, die mit ihrem Klassiker gerne bei den Classic Days in den Schloßpark oder auf den Berliner Kudamm fahren, die Messen besuchen und in der heimischen Garage werkeln. Und diese Leute waren und sind (den Autor eingeschlossen) immer in der Mehrheit. Trotzdem hat die organisierte Szene, die einen Wirtschaftsfaktor unterstützt, der 100.000e Jobs geschaffen hat, Zukunftssorgen, weil die Neigung zum Ehrenamt und zur Mitgliedschaft in Clubs und Vereinen sinkt.

Die Strukturen werden sich verändern müssen. Auch die Finanzierungsformen und das Budget überhaupt. Was DEUVET und IKM zusammen mit nur 80.000 Euro erreichen, verdient jede Bewunderung. Aber es müssen alle an einen Tisch, um absehbar nötige Geschäftsmodelle zu finden und durch Präsenz und Öffentlichkeitsarbeit dafür zu sorgen,  das klassische Automobil und unsere Liebhaberei als das präsentieren,  was es ist: Ein Teil unserer Geschichte, ein Teil unserer Kultur, der Transporteur und Antrieb unseres Wohlstandes und auch ein wunderbarer Zeitvertreib. Dafür muss die Selbstbeschäftigung wieder aufhören.

Wenn sieben Menschen zusammen treffen, gründen sie keinen Verein mehr sondern eine Whattsapp-Gruppe. Wenn die etablierte Szene nicht als die sprichwörtlichen Kanninchenzüchter wahrgenommen will, muss sie sich damit auseinandersetzen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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