ADAC-Landpartie: Oldtimer-Wandern, was für ein furchtbares Wort

von CARL CHRISTIAN JANCKE

Mittlerweile veranstaltet der ADAC Berlin-Brandenburg nun schon zum dritten Mal eine Ausfahrt durch´s Umland der Hauptstadt. Diesmal stellten sich ca. 100 Teilnehmer vom Ford Model A bis zum Porsche 928 der Herausforderung und starteten im  malerischen Köpenick ins nordöstliche südöstliche Brandenburg. An Stelle der sonst üblichen Wertungsprüfungen standen hier für die Teams eher Geschicklichkeitsübungen, die das Fahrerlebnis bei schönstem Sommerwetter in den Mittelpunkt rückten.

Fotos: Vivian J. Rheinheimer

“Oldtimer-Wandern” nennt der ADAC den Verzicht auf Wertungsprüfungen, bei denen ein paar hundert Meter oder auch Kilometer in vorgeschriebener Langsamkeit auf die Hundertstelsekunde durchfahren werden sollen. Es soll Leute geben, die sich zuhause eigens Lichtschranken aufgestellt haben, und bei manchen Rundfahrten sind die ersten 20 dann in einer Bandbreite von einer Zehntelsekunde.

Zwar gibt es auch hier Wertungsprüfungen zu bestehen, die haben allerdings eher spielerischen Charakter und haben meist einen Bezug zum Sponsor. So muss man in einem Fall präzise einen Reifen rollen und in einem anderen Fall auch die Wegstrecke zwischen zwei Lichtschranken möglichst sekundengenau in einer vorgegebenen Zeit zu absolvieren (30 m), aber nicht mit dem eigenen Auto sondern einer pedalbetriebenen Draisine, die man auch zum Freizeitvergnügen am Erlebnisbahnhof Mellensee mieten kann, um auf der stillgelegten Bahnstrecke zu radeln.  Auch der “Museumspark Rüdersdorf” wird vielen im Gedächtnis bleiben: Ein monumentales Industriedenkmal, das der Verarbeitung des größten Kalksteinberges in Norddeutschland zu Baustoffen diente, aus denen halb Berlin vom Brandenburger Tor bis zum Plattenbau entstand.

Auch weitere Attraktionen wie das Museumsdorf Baruther Glashütte oder die traditionsreiche Pferderennbahn Hoppegarten lagen auf der Wegstrecke.  Wie bei allen Ausfahrten dieser Art blieben aber zu viele touristische und vor allen Dingen kulturelle Attraktionen buchstäblich am Rand liegen. Das ist Ergebnis eines nötigen Kompromisses. Schließlich will man sich ja die gute Landluft im Aggregatzustand des Fahrtwindes um die Nase wehen lassen. Allerdings ist ja 2019 auch die nächste Landpartie. Und die Schönheit des idyllischen Berliner Bezirks Köpenicks konnte immerhin abends beim Abendessen an Bord der “MS Alexander von Humboldt” genossen werden.

Im Mittelpunkt standen natürlich die automobilen Kostbarkeiten, die man als Team nicht nur alleine genießen möchte.  Die Reisegesellschaft, die man an den verschiedenen Zwischenstationen immer wieder traf, bewunderte die Schönheit und Extravaganz der automobilen Schönheiten. Die entpuppte sich mal wieder als klassenlos. Neben den teuersten Autos im Feld, einem frühen Mercedes 300 SL Roadster (1957), dessen originale Scheinwerfer ihn als US-Reimport ausweisen, wurde auch ein Wartburg 311/2 Cabrio von 1956 bewundert.  Das kam aus derselben Produktionsstätte wie der EMW 327/2 Sport-Cabriolet, das man auf den ersten Blick für ein Derivat der legendären BMW Sechszylinder Sportwagen hält. Das ist er natürlich auch, denn die Autofabrik des Flugmotoren- und Motorradherstellers lag vom Dixi an in Eisenach am Fuße der Wartburg und lag nach dem Krieg in der sowjetisch besetzten Zone. BMW verbot den Eisenachern wenigstens die Verwendung der bayerischen Marke und so wurde aus dem B ein E im Markenzeichen und der stilisierte blau-weiße Propeller wurde nunmehr rot unterlegt. An der Schönheit der Karosse und der Überlegenheit der Vorkriegstechnik änderte das nichts.

Unter den Teilnehmern befand sich aber auch ein Maserati Merak von 1974, hierzulande ist der 190 PS starke Mittelmotorwagen eine wahre Rarität. Neben den Freunden der italienischen Oper war aber auch die Fraktion der Liebhaber britischer Automobilkultur zahlreich vertreten. Am seltensten zu sehen dürfte sonst wohl ein 1935er Bentley 3,5 Liter sein.  Mit der Startnummer 1 ging ein 1957iger Jaguar XJ140 Drophead Coupé auf die Strecke. Die Zahl weist dezent auf die damals schon erreichte Höchstgeschwindigkeit von 140 hin, Meilen versteht sich. Umgerechnet sind das schlappe 225 km/h. Und die erreichte der E-Type-Vorgänger mit dem Reihensechszylinder und 3,8 Liter schon 1957.

Fotos: Vivian J. Rheinheimer

Es ist erfreulich, dass die einst von Mercedes SL und Porsche 911 dominierten Starterfeder solcher Ausfahrten immer vielfältiger werden. Die Marke Audi wird heute noch oft von ihren Auto-Union-Schwestern Horch, Wanderer und DKW vertreten, die vor dem Krieg fast samt und sonders aus Sachsen kamen. Die DKW-Zweitakttechnik lieferte darüber hinaus die  technologische DNA für die gesamte Autoindustrie der DDR, also Wartburg, Trabant und Barkas, dem Gegenstück zum VW-Bus. Im Starterfeld fand sich selbst davon ein grünes Exemplar. Mit 50 PS war der Barkas B1000 KB 1971 genauso motoroisiert wie der rote VW-Bus aus dem gleichen Jahr, der direkt vor dem DDR-Produkt auf die Strecke ging.

Der Wagen hat jedoch eine bemerkenswerte Geschichte, die das Leben schrieb. Er war der Dienstwagen von Walter Hübener, einem Bauschlosser. Als er sich selbstständig machte, nahm er Anfang der 90iger den grünen Transporter mit und verkaufte ihn 1994. Drei Jahre später entdeckte er ihn bei einem Autoverwerter, kaufte ihn zurück und restaurierte ihn. Was für eine Geschichte.

Während die Marke Audi ihre historische Geschichte in der Neuzeit im Grunde erst Anfang der Achtziger Jahre mit den Quattros begann, baute BMW schon nach dem Krieg, schöne Autos. Einer der legendären Achtzylinder, ein schwarzes 503 Cabrio war auch hier am Start. Doch der Plan, mit teuren Autos hohe Deckungsbeiträge zu erzielen und so eine neue Fertigungsstätte zu finanzieren, ging gründlich schief.  Gerade mal 139 Cabrios liefen vom Band und die Achtzylinder-Familie mit Barockengel und 507 führte BMW deFacto in die Pleite.

Aber auch die “Rettung”, ein roter BMW 2000 (1968) der “Neuen Klasse” war rund um Berlin im Einsatz. Der erste deutsche “Marketing”-Vorstand “Nischen-Paule” Hahnemann erfand die kompakte Sportlimousine, die in Windeseile Anfang der Sechziger an den Start gebracht wurde. Darunter litt bei den ersten Exemplaren die Qualität. Hahnemann soll gesagt haben: “Wenn ich in München auf der Leopoldstraße eine neue Klasse mit Hamburger Kennzeichen sehe, gehe ich in die Theatiner-Kirche und zünde eine Kerze an, damit er wieder heil nach hause kommt.” Das mustergültige Exemplar dürfte dieses Problem genauso wenig haben wie der “inka-farbene” 2002 – Touring (1971), Hahnemanns Antwort auf eine Marktnische, die niemand gesehen hatte. Der 100 PS starke Vierzylinder definierte die Premium-Kompaktlimousine, wie BMW sie mit dem Einser und dem Dreier bis heute baut. Daneben war auch noch ein wunderschöner 3.0 CSi unterwegs, das Bindeglied zwischen der Wiederaufstehung der Vierzylinder und der Rückkehr zur grandiosen Reihen-Sechszylinder-Kultur. Den bei dem Wagen handelt es sich bei einer Karosse auf der Basis des 2000er Coupés, ausgestattet mit dem BMW-Reihensechszylinder schlechthin, der die Tür zur Oberklasse aufstieß und unzählige Motorsporterfolge feierte.

Und so könnte man für jedes der fast 100 im Starterfeld befindlichen Fahrzeugen Worte finden, weil sie alle Teil der Geschichte sind und nicht nur der automobilen. Denn zu jenen Zeiten war das Auto noch unbestritten als Bestandteil individueller Freiheit und Motor der sozialen Marktwirtschaft. Und so muss sich der Autor bei all denen Eignern entschuldigen, deren automobiles Kulturgut hier nicht ausreichend gewürdigt wurde, etwa der Karmann Ghia, das 250 C/(8 Coupé und und und.

Am Ende des zweiten Tages wurde man nicht nur vom Köpenicker Bezirksbürgermeister standesgemäß mit einer Fahne im Ziel abgewunken. Man musste auch noch zwangsweise mit einem recht resoluten Hauptmann von Köpenick mit einem Champagner anstoßen, dessen schwerer Mantel ihm nicht in´s Schwitzen brachte, vielleicht des kalten Bauchumschlags wegen, der aus ausreichend Pilsener bestand.

 

Schön auch nach wie vor, dass die automobilen Klassiker beim Publikum auf so viel Sympathie und Zuspruch trifft, den winkenden Teams winken häufig viele Zuschauer am Straßenrand und bei Ortsdurchfahrten zu.

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