Nachlese Einbecker Oldtimer-Tage: Zurück in die Zukunft

von CARL CHRISTIAN JANCKE

Bereits zum vierten Mal jährt sich die Eröffnung des PS.Speichers. Das beeindruckende Projekt stellt den Kultur- und Wirtschaftsfaktor Automobil in den Vordergrund. Die Region feiert das klassische Automobil mit einer Ausfahrt, einem Corso durch die Innenstadt. So kommt jeder auf seine Kosten. 

Vorab eine Entschuldigung . Denn das Ereignis fand schon vor drei Wochen statt und technische und zeitliche Gründe haben dazu geführt, dass erst jetzt hier darüber berichtet wird. Auf der anderen Seite spielt das für den geneigten Leser kaum eine Rolle, weil die Berichterstattung dadurch nicht mehr oder weniger aktuell ist. (In diesen Tagen folgen auch die Classic Days auf Schloß Dyck.

Fotos: Florian Everding EinPicture/PS.Speicher

Ich selber war mit einem Mercedes 200 Roadster mit der Erstzulassung 1937 unterwegs. Das Auto mit dem Schwiegermuttersitz (aufklappbar im Kofferraum) war so nicht nur ungeheuer flexibel. Mit seinen 40 PS animierte das Auto zur Gelassenheit.  Das Getriebe erforderte Gewöhnung und der Wagen verfügte über Drei Gänge und einen Schnellgang. Weil der langhubige Motor aber auch über eine ungewöhnliche Elastizität verfügte, konnte man fast die ganze Strecke im dritten oder aber eben im Schnellgang absolvieren. Die führte uns durch den Solling und das Weserbergland, weithin unbekannte Mittelgebirge mitten in Deutschland, die gerade für ein solches Autos eine Herausforderung darstellte, die sie bewältigen können. Und so sah man unter den rund 160 Teilnehmern auch eine Vielfalt von der Magirus Drehleiter bis hin zum Kleinstwagen, dem Hanomag Kommissbrot. Den kann man übrigens beim Besuch im PS.Speicher selbst auszuprobieren. In dem didaktisch hervorragendem Museum steht ein Kommißbrot als “Fahrsimulator”, mit dem man durch die Straßen Einbecks kurven kann.

Fotos: Florian Everding EinPicture/PS.Speicher

 

Auch Motorräder mit und ohne Beiwagen waren unterwegs und die Vielfalt reichte ja auch für den leicht aufgemotzten NSU Prinz, einen Mercedes der S-Klasse aus den Siebzigern. Viele Wagen stammten aus dem Fundus des PS.Speicherst. Stifter und Gründer Karl-Heinz Rehkopf soll zu seinen beruflichen Zeiten bis zu zwei Fahrzeuge pro Woche in früheren Zeiten gekauft haben. Die Größe  der Sammlung des heute über achtzig Jährigen lässt sich leicht überschlagen. Weit über 1.000 Fahrzeuge werden es sein.

 

Fotos: Carl Christian Jancke

Vom 300 SL Roadster (W198), der auch  schon mal eine Million Euro und mehr kosten darf, einen Ponton-Mercedes für die ganze Familie, einen professionell für Rallye-Zwecke ausgebauten Fiat 500 büber das Audi Quattro Coupé aus den Achtzigern bis hin zu einem Alfa GT aus den späten Sechzigern reichte die Palette. Die beiden Ford FK 1250 (Transit) erinnerten daran, dass es neben dem Bully im Wirtschaftswunder auch kompakte Kleinbusse gab, die aufgrund ihrer höheren Fahrleistungen immerhin rund 50 PS mobilisierten. Der Motor zwischen den Vordersitzen hielt den Beifahrer auf Distanz.

Fotos: Carl Christian Jancke

Die Vielfalt der zu besichtigenden Fahrzeuge stand ganz im Gegensatz zur sonst zu beobachtenden Mercedes-Benz und Porsche 911 Monotonie. Jedes Modell, das oben zu sehen ist, hier zu würdigen, führt zuweit. Aber dass auch US-Modelle, Jaguar E-Types, VW-Porsche, diverse VW-Käfer (immer noch der meist zugelassene Wagen über 30 Jahre in Deutschland) machte das Starterfeld schön bodenständig.

Schließlich sorgte der PS.Speicher dafür, dass mit moderaten 120 Euro das Startergeld ausgesprochen moderat war und der Geldbeutel kein Hinderungsgrund war, sich diesem Vergnügen hinzugeben.

Fotos: Carl Christian Jancke

Die Begeisterung bei alt und jung und war groß und wie sonst nur bei der “Sachsen-Classic” holte man Bier und Campinggestühl hevor, um den rund 160 Teilnehmern zuzujubeln. Wer meint, das klassische Automobil verlöre an Zustimmung, den widerlegen diese Bilder.

Fotos: Florian Everding EinPicture/PS.Speicher

Der Publikum stand insbesondere in der Innenstadt und den Wohngebieten Einbecks Spalier als der Corso mit rund 250  mindestens volljährigen Autos durch die Innenstadt schlängelte. Denn diejenigen, die sich unter die Rallye-Teilnehmer mischten, sollten Autos beisteuern, die mindestens 18 Jahre alt sind. An der Spitze pilotierte Karl-Heinz Rehbock eigenhändig einen DeLorean mit Flux-Kompensator und den originalen Anbauteilen aus “Zurück in die Zukunft”, dem Streifen mit Michael J. Fox, der auch das Auto berühmt machte. Der Namensgeber und Unternehmer hatte versucht, das in Irland gebaute Vehikel mit profundem Drogenhandel zu retten, wobei der ehemalige General Motors Manager natürlich erwischt wurde. 10 weitere DeLorean waren in Einbeck zu Besuch und stellten damit ein besonderes Highlight bei Corso durch die Stadt.  Zu verdanken war dies dem DeLorean Club Deutschland.

Fotos: Carl Christian Jancke

Aber die Einbecker Oldtimertage leben nicht von den vorhandenen spektakulären Einlagen sondern von der klassenlosen Gesellschaft und der Breite der zugereisten Oldtimer-Liebhaber. Der mit dem längsten Weg war ein Wanderer aus Waldshut an der Schweizer Grenze. Wanderer heißt übrigens die Automarke, die neben Horch, Audi und DKW zur Auto-Union gehörte. Und auch die unvermeidliche aber charmante Heidi Hetzer hatte eine weite Strecke zurückgelegt und mit ihrem liebevoll “Hudo” genannten Wagen trotz dessen hohen Alters die Welt umrundet. Nun lässt die charmante Dame sich zu Recht für diese Leistung feiern.

Fotos: Carl Christian Jancke

Das war wahrlich ein historischer Jahrmarkt, der sich da nicht nur im Innenhof des PS.Speichers abspielte. Sondern auch ein Wiedersehen mit den Autos, die hier, als die Stadt nur vom Bier, Saatgut und den Tapeten lebte, das Straßenbild prägten. Die Tapeten sind verschwunden und die alten Fabriken beherbergen heute zum Teil die Depots des PS.Speicher.  Es wird postuliert man wolle die Stadt des Bock-Biers nun zum Mekka der Oldtimerei machen. Das halte ich für einen verfehlten Vergleich. Denn wer der Mobilität huldigt, der setzt auf Freiheit und Selbstbestimmung. Was der Idee einer Religion zu wiederspricht. Es ist auch nicht das Goodwood Deutschlands, schließlich handelt es sich nicht um eine Anzahl temporärer Veranstaltungen. Und – ehrlich gesagt – fehlt leider auch ein kleiner Rundkurs, der den Einbeckern gut täte. Und jede Menge Spaß brächte. Man wird ja noch träumen können. Muss ja kein zweiter Bilster Berg sein.

Einbeck bleibt ein einzigartiges Erfolgsmodell.

Fotos Carl Christian Jancke

Das schöne an meinem Job ist, dass man so schöne alte Autos anderer Leute fahren darf, nur weil man darüber schreibt. Jedermann kommt nicht in den Genuss. Und das weniger schöne, dass die gemeinsame Zeit mit den Weggefährten doch so schnell wieder zu Ende geht. Ich hatte gerade gelernt, das Schaltschema zu beherrschen. Der Schnellgang (S) will ohne Kupplung eingelegt sein, damit er einrastet, darf die Drehzahl nicht zu hoch sein. Sinkt sie zu tief, braucht er natürlich ein wenig Zeit, so dass man auf das Drehmoment setzen muss, um von 60 auf 80 km/h zu kommen. Mehr fährt man mit dem Wagen eh nicht, dann wird es unkommod.

Die Entdeckung der Langsamkeit erfahre ich gemeinsam mit Harro Ardt, der zur Familie gehört. Der Botschafter a.D. in vielen afrikanischen Ländern, zuletzt in Südafrika legt nicht nur diplomatische Umgangsformen an den Tag und grüßt beim Corso huldvoll das Publikum mit dem Strohhut. Vor allem ist er erfahren, weiß viel zu erzählen und ist ungemein entspannt. Die Kenntnis der Region erklärt sich, als wir sein derzeitiges Domizil quasi kreuzen. So endet ein vergnügliches Wochenende viel zu früh und wir treffen uns hoffentlich einmal in Einbeck wieder.

 

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