Die lange Reise zu den 24 Stunden von Le Mans

von JÜRGEN METZ

Vom Bodensee nach Le Mans im Mercedes Coupé W123. Diese Reise unternimmt unser Autor Jürgen Metz jedes Jahr und genießt es bei französischem Essen und Rotwein auf dem Bauernhof.  Eine erstaunliche Expertise hat er sich dabei erarbeitet. Jetzt ist er zurück und viel zu erzählen.

Laboratoire d’émotions – das steht auf einem Poster, das Porsche wie jedes Jahr in das offizielle Programmheft gelegt hat. Für die nur noch in der GT-Klasse angetretenen Werksporsche stimmt das auch, denn sie haben wirklich beherzten und für die Zuschauer attraktiven Rennsport abgeliefert mit allen emotionalen Höhen und Tiefen, die die 24 Stunden von Le Mans immer ausgezeichnet haben.

In der LMP1-Klasse sah das Rennen wesentlich anders aus. Nach dem dritten Gewinn in Serie hatte ich letztes Jahr schon befürchtet, dass Porsche sich zurückziehen würde. Die dramatischen Kämpfe der letzten Jahre gegen Toyota waren an Spannung kaum zu überbieten und man sah als Zuschauer die unglaublichsten Veränderungen des Rennverlaufs und der entsprechenden Positionen im Klassement. Es war mehrfach tragisch für Toyota und glücklich für Porsche, aber es war auch die geballte Dramatik eines 24-Stunden-Rennens. Vor allem 2016 wird in Erinnerung bleiben als Toyota kurz vor dem Ende des Rennens auf der Zielgerade mit technischem Defekt liegen blieb. Der alte Satz „To finish first, you have to finish first!” bewahrheitete sich in seiner ganzen banalen Brutalität.

So gesehen kann man Toyota den Gesamtsieg 2018 gönnen, aber wie er von den Veranstaltern (ACO = Automobile Club de l’Ouest) quasi auf dem Silbertablett serviert wurde ist schwer verdaulich. Reglementänderungen für die Konkurrenz, die keine Hybrid-Technologie einsetzte, wie z.B. die Begrenzung der Benzindurchflussmenge und eine Stallregie von Toyota selber, die dafür sorgte, dass Fernando Alonso mit seinem Toyota mit der Startnummer 8 vorne blieb, haben schon einen bitteren Beigeschmack.

Zur Wahrheit gehört aber auch, dass gerade Alonso in der Nacht den Rückstand auf das zweite Teamfahrzeug mit der Startnummer 7 dramatisch reduzierte. Und man muß auch zugeben, dass Alonso in seinen Fahrzeiten sauber und konstant gute Rundenzeiten abgeliefert hat.

Letztlich profitieren beide Seiten vom Gesamtsieg. Toyota versucht seit fast 20 Jahren den Sieg zu erringen, Alonso träumt von der sog. Triple Crown (Indy 500, GP Monaco, Le Mans) und ist diesem Traum ein Stück näher gekommen und der Automobilclub ACO bekommt einen klangvollen Namen auf die Siegerliste.

Für mich war nach den ersten beiden Rennstunden klar, dass an Toyota in diesem Jahr niemand vorbeikommt, denn die Abstände wuchsen und die folgenden Rebellion hatten nicht den Hauch einer Chance. Am Ende lagen 12 bzw.13 Runden zwischen dem führenden Toyota und den Rebellion. Insgesamt spulte der Siegerwagen in den 24 Stunden 387 Runden ab. Bei den LM GTE Pro waren es gerade einmal 344 Runden.

Unserer kleinen Gruppe von Le Mans Fans auf der Dunlop-Tribüne war Samstag nachmittags klar, dass wir dieses Jahr die GTE Pros stärker beobachten wollten. Die Positionskämpfe zwischen den beiden Porsche 911 RSR mit der Startnummer 91 und 92 waren einfach großes Rennkino. Zudem waren beide Autos im Design und der Farbgebung so gehalten, dass sie an frühere Vorbilder erinnerten. Besonders der pinkfarbene 92, der spätere Klassensieger, hatte es uns angetan. Er greift das berühmte „Sau-Design“ des 917/20 aus dem Jahr 1971 auf und war ganz wie sein Vorbild mit den Bezeichnungen der einzelnen Körperteile gekennzeichnet wie Wamme, Rücken, Rüssel usw. Die Startnummer 91 erinnerte in blau und weiß an den früheren Sponsor Rothmans.

Beide Porsche schenkten sich nichts und begeisterten im Dunlop-S, wo wir saßen, mit präziser Kurventechnik und fulminanter Beschleunigung Richtung der Fußgängerbrücke des markanten Dunlop-Reifens. Es gibt einen kurzen, etwa 10-minütigen Film der FIA, der die Highlights des Rennens ganz gut zusammenfasst. Dort sind auch gute Bilder des Kampfes der beiden Porsche zu finden: https://www.youtube.com/watch?v=BwSiEkP3R9o

Fast 260.000 Zuschauer bevölkerten den Kurs und sichtbar war auch dieses Mal, dass ein großer Teil aus GB angereist war. Die Parkplätze um die Strecke waren voll und die Camping-Areale beherbergten die üblichen Zeltstädte mit den jeweiligen Fahnen der unterstützten Teams, Länder oder Marken.

Immer wieder schön zu sehen auf den Parkplätzen sind seltene Sportwagen, jede Menge hochklassige Automobile, regelrechte Exoten oder rare Oldtimer. Der Weg zur Tribüne dauert dann immer länger als geplant und ab und an kommt man mit den Besitzern der Fahrzeuge ins Gespräch. Auffällig war auch, dass es relativ wenige Fahrzeuge mit deutschem Kennzeichen gab, zumindest auf unserem Parkplatz bei Start und Ziel. Klar, die Anreise aus Deutschland ist weit und vor Ort einen Schlafplatz zu finden dürfte nicht einfach sein.

Ich selbst habe Glück, weil ich auf einem Bauernhof eines Freundes und Le Mans Enthusiasten in der Nähe der Strecke wohnen kann. Dort verbringe ich eine Woche und wir besuchen die Strecke täglich, sehen also das Qualifying oder das freie Training. Auch die Zusatzrennen wie die Wettkämpfe der „Road to Le Mans“ und der obligatorische Gang durch die Boxengasse am Freitag gehören dazu.

Insgesamt ist Le Mans kein ganz billiges Vergnügen, denn für die Versorgung vor Ort muß man schon tief in die Tasche greifen. Der Eintritt zur Strecke für eine Woche und reservierte Plätze für das Rennen auf der Dunlop-Tribüne kosten zusammen ca. 170 Euro, was ich absolut ok finde. Hinzurechnen muß man noch einen reservierten Parkplatz von knapp 60 Euro.

Bin ich nächstes Jahr wieder dabei? Auf jeden Fall, denn die Atmosphäre ist schon einzigartig und die Abende mit Freunden und Rennfreaks auf dem Bauernhof bei viel Wein und französischem Essen sind eine Attraktion für sich.

Ich wünschte mir allerdings mehr Dramatik in der LMP1-Klasse. Auf einen weiteren ungefährdeten Gesamtsieg von Toyota habe ich eigentlich keine Lust. Die Rückkehr von Porsche wird aber wohl ein Traum bleiben.

Foto Credits: Jürgen Metz

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