24h Nürburgring: Wie die Mainstream-Medien eine Legende totschweigen

von CARL CHRISTIAN JANCKE

Es ist eines der letzten Abenteuer unserer Zeit. 24 Stunden, rund 150 Teilnehmer, 22 km, 73 Kurven und bis zu 18% Steigung in der Vulkaneifel zogen 210.000 Zuschauer an. Ein packendes Rennen, bei Sonnenschein gestartet, im Regen über Nacht gefahren und im dichten Nebel beendet. Das sind die Ingredenzien, die aus einem Rennen ein Drama machen, zumal die zahlreichen Unfälle den Begriff “Abflüge” rechtfertigen. Niemand kann sich seines Sieges bis zur letzten Minute sicher sein. Den Mainstream-Medien ist
das allenfalls eine dpa-Meldung unter “ferner liefen” wert und in die Hauptnachrichten des TV schafft es die Legende auch nicht. Immerhin boten “RTL nitro” und Vodafone einen Livestream an. Schlechter Umgang mit einem nationalen Kulturgut. (Viele Fotos dank Robert Kah).

 

 

Fotos: Robert Kah

Hier ist Motorsport noch wie er früher war: Spannend, schmutzig und gefährlich und nicht aseptisch und Marketing-Getrieben. Die Rennfahrzeuge sind tatsächlich weiter entwickelte Versionen echter Sportwagen wie Audi R8, BMW M6, Mercedes AMG GT oder Porsche Cayman und 911 und keine nachempfundenen Shilouetten kompakter Premiumautos, die unter dem Blech nichts mit dem BMW M4, dem Audi A4 oder der Mercedes C-Klasse gemein haben. Und sie machen authentischen Lärm, der die Schlafenden an der Döttinger Höhe aus dem Zelt reißt. Anders als die Formel E, die wie eine Carrera-Bahn von Metropole zu Metropole zieht und auf Stadtkursen nur den Sing-Sang von Nähmaschinen hören lässt.

Die Deutsche Umwelthilfe würde in Tateinheit mit der EU-Kommission vermutlich dieses Happening verbieten. Denn der Feinstaub des Reifenabriebs dürfte in Kombination mit der verfeuerten Grillkohle alle Grenzwerte sprengen.

 

 

Fotos: Robert Kah

24 Stunden auf der Nordschleife sind für die Teilnehmer ein Paradies. Für die Rennsportlegende, den Formel 1 Weltmeister Jacky Stewart, war sie die “grüne Hölle”. Und das Auto auf der Strecke zu halten, ist auch bei dem Geschwindigkeitsunterschied zwischen etwa dem Achtziger Jahre Opel Manta und den modernen GT-Fahrzeugen immens. Die machen deshalb mit einem blinkenden Blaulicht rechts oben unter der Frontscheibe auf sich aufmerksam, wenn sie durch das Feld der langsameren Fahrzeuge pflügten.

Den Privatiers kommt es schließlich darauf an, nicht in die Leitplanke einzuschlagen, die auf der 1927 eröffneten Nordschleife ganz ohne Kiesbett und Auslaufzone direkt neben Strecke zur Kaltverformung einlädt. An manchem Streckenabschnitt hat man den Eindruck, seit der Eröffnung sei noch nie nachasphaltiert worden. Die Ausbesserungen der Strecke lassen die modernen Wagen fliegen, versetzen sie und machen die Regenfahrt zum Vabanque-Spiel.  Wer es nach dem Einschlag zur Box schafft, dem kann vielleicht noch mit Panzerband und neuen GfK-Teilen geholfen werden. Allerdings bleiben viele durch alle Klassen buchstäblich auf der Strecke.

 

 

Bei 24 Stunden kommt man nicht ohne Nachtanken aus. Und frische Reifen sorgen für guten Grip und Feinstaub-Nachwuchs dank Abrieb. Tag und Nacht stehen die Boxenteams bereit auch um jede mögliche Reparatur durchzuführen, die innerhalb der Rennzeit noch umsetzbar ist. Manche gehen mit 10,15 Runden Rückstand wieder ins Rennen, manche rollen nach einigen Stunden aussichtslos aus der Box, um wenigstens auf der Strecke die Zielflagge zu sehen.

Wer sich einen Eindruck von der Atmosphäre machen will, für den haben Vodafone und das Getspeed Performance team hier einen elf Stunden langen Livestream eingestellt, der einen Eindruck von der nächtlichen Hatz inklusive Überholmanövern, Rennunfällen und Boxenstopps geben.  Und dem Regen und dem Nebel, der am frühen morgen für gut zwei Stunden zu einer Unterbrechung führte. Die Streckenposten, die nicht nur den Fahrern Signale geben, sondern sich auch untereinander mit Fahnen verständigen, konnten die eigene Hand nicht vor Augen sehen.

Getspeed ist nicht nur ein Rennstall und Anbieter von diversen Umbauten auch ein absoluter Nordschleifen-Spezialist, der auch Taxifahrten im 911 GT3 unter 8 Minuten anbietet. O-Ton auf der Website: “Nix für Hosenscheißer.”

 

Fotos: Robert Kah.

Vodafone ist es wohl zu verdanken, dass es überhaupt Livestreams im 4G Standard von der Strecke gab, der vom Spartensender RTL Nitro sogar live übertragen wurde. Und Focus Online lieferte eine kritische Reportage, die darauf hinwies, dass die deutschen Hersteller hier im eigenen Saft schmoren und Ferrari, Maserati, Lamborghini, Bentley, Jaguar oder Mclaren sich nicht der Herausforderung in der Eifel stellen. Und auch RTL berichtete übrigens im Rahmen der Formel 1-Berichterstattung.

Den restlichen Publikumsmedien war dieses Event dagegen höchstens eine dpa-Meldung wert. Und das ist für ein Sport Event von internationalem Rang auf dem Deutschen Motorsport-Heiligtum zu wenig.

Das Automobil steht in den Redaktionen schon lange nicht hoch im Kurs. Für den Motorsport gilt das erst recht, solange er nicht elektrisch betrieben ist. Damit sägen die Redaktionen schon länger an dem Ast, auf dem viele von uns leben. Ohne den Nimbus von Autobahn, Vettel, Schuhmacher und Nordschleife ließe sich der Nimbus von BMW, Porsche und Konsorten schwer rechtfertigen, die sich mittlerweile auch Daimler und Audi erworben haben.

Wenn sich die Einstellung bei uns nicht ändert, wird das Image sukzessive erodieren.

Hier noch mal ein Zusammenschnitt der Highlights. Weils so schön war. Danke, Robert Kah für die Bilder:

 

 

 

 

 

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