HAGI-Indizes: Steht der Markt für klassische Automobile vor einem strukturellen Umbruch?

von CARL CHRISTIAN JANCKE, HAGI-Analyst

 

Nachdem die Preise für klassische Automobile jahrelang nur einen Trend zeigten, Aufwärts, ist der HAGI-TOP-Index das erste Mal im Jahresvergleich um 4,62 Prozent gesunken, was auf einen deutlichen Rückgang hinweist. Andererseits ist bei jüngeren “Emerging Classics”, die seit den Siebzigern gebaut wurden, ein deutlicher Anstieg festzustellen. Der Mercedes Benz Classic Index by HAGI (MBCI) weist für diese Gruppe einen Anstieg von 22,12 Prozent aus. Der Markt liegt nicht darnieder.
Index bis Februar 2018

Der Markt für klassische Automobile

 

Martin Stromberg von Classic Data sagte unlängst: Jedes Auto hat einen Zustand. Niemand wird bestreiten, dass klassische Automobile auch einen Wert haben. Und noch mehr hoffen, dass der steigt. Doch erfreulicherweise scheinen die “Spekulanten” weitgehend vom Markt verschwunden. Sie haben verstanden, dass klassische Autos eben nicht als Spekulationsobjekte eignen. Dafür sind sie zu komplex. Geblieben sind die “Investoren”, die auch Benzin im Blut haben. Und damit ist die Phase der Überhitzung vorbei.

 

Nach einer Bosch-Studie aus dem Jahr 2015 werden alleine rund um “Young- und Oldtimer” Reparaturen, Restaurierungen, Ersatzteilhandel und sonstigen Dienstleistungen rund 16 Mrd. Euro umgesetzt. Da es mittlerweile immerhin mehr als 600.000 Autos in Deutschland zu gelassen sind, die älter als 30 Jahre sind, dürfte der Markt nicht schrumpfen. Ihr Wert dürfte in Deutschland insgesamt einen deutlich zweistelligen Milliarden Betrag ausmachen. Die Marktbeobachtungen der Historic Automobile Group International (HAGI) legen den Schluss nahe.

 

HAGI hat sich zur Aufgabe gemacht, den Weltmarkt für klassische Automobile transparenter zu machen. Eine Analyse nur des deutschen oder des europäischen macht wenig Sinn, weil der Handel vom BMW 6er über die Mercedes Pagode bis hin zu Flügeltürern oder seltenen Exoten von Ferrari und Co. weltweit läuft. Derzeit holen etwa viele Händler Autos aus den USA und Japan zurück, wo sie besonders wenig niedrige Laufleistungen haben. Und das gilt auch für emerging classics wie die Mercedes S-Klasse aus den Neunzigern, den W140. Einer geringen Laufleistung steht hier allerdings gegenüber, dass die hohen Standzeiten dem Auto auch nicht gut tun.

 

Der HAGI TOP Index

 

HAGI hat in einem Backtest bis 1980 die 50 relevanten Fahrzeuge für den Wert für klassische Automobile ermittelt, die bereits 2009 einen Wert von mindestens 100.000 Euro hatten. Entscheidend für die Auswahl war relative Seltenheit (also meist unter einer Stückzahl von 1000 Exemplaren) und natürlich auch, dass die Wagen öfter gehandelt werden.. Lediglich Autos wie der Mercedes SL Flügeltürer/Roadster oder der Ferrari Dino wurden ausgewählt, obwohl sie weitaus häufiger gebaut wurden.

 

Der Index funktioniert wie der Deutsche Aktienindex (DAX). HAGI veröffentlicht keine Einzelpreise sondern die Veränderung des Marktes. Dazu gehen die aktuellen Preise der Autos in die Bewertung entsprechend ihres Einflusses in die Kalkulation ein. So kann gemessen werden, wie sich die Marktpreise entwickeln.

HAGI misst nur reale Verkäufe auf dem Weltmarkt, die monatlich über ein Netzwerk von Händlern und Markenspezialisten abgefragt werden. Auktionsergebnisse machen lediglich rund 30 Prozent dieser Daten aus.

Die HAGI – Index-Familie

HAGI Index Februar 2018

Natürlich entwickeln sich einzelne Marktsegmente unterschiedlich. Die Marke Ferrari erscheint volatiler als die Marke Porsche oder das Schwergewicht im Markt, der 300 SL (W198), der etwas behäbiger und dafür etwas wertstabiler wirkt.

Im Mittelpunkt steht eben nicht die Ermittlung der Einzelpreise, sondern die Entwicklung des Gesamtmarktes. Sie wird im HAGI TOP Index zusammengefasst. Der ist in der Tat im Februar 2018 deutlich im Minus. Allerdings sollte man nicht vergessen, dass sich sein Wert in den letzten 8 Jahren verdreifacht hat.

 

Die HAGI-Einzelindizes

 

Der Markt für historische Automobile hat horizontale und vertikale Segmente. HAGI misst beim TOP-Index die Wertentwicklung bisher in horizontaler Richtung. Die Schwergewichte im Markt werden getrennt ausgewiesen. Das sind die Marken Porsche und Ferrari, die mit 14 und 12 verschiedenen Fahrzeugen vertreten. Ein dritter Index misst alle anderen Marken.

 

Die Differenzierung macht Sinn, denn die unterschiedlichen Marken entwickeln sich durchaus verschieden – auch wenn sich das langfristig wieder einzupendeln scheint. Der 2009 mit 100 Punkten gestartete HAGI-P-Index liegt bei 343 Punkten und der HAGI F-Index bei 354 Punkten, HAGI-TOP Index und  der HAGI-Ex-F undP-Index mit je 346 Punkten genau dazwischen. Die Ab- und Zunahmen der einzelnen Marken schwanken und die Entwicklungen sind nicht immerhin vergleichbar, weil sich auch innerhalb der Markenindizes

 

Mercedes-Benz Classic Index by HAGI

MBCI FEBRUAR 2018

Der Mercedes-Benz Classic Index by HAGI ist ein reiner Markenindex,der 33 Fahrzeuge ausgewählt hat, die repräsentativ für die Marke stehen und von den frühen S ,SS und SSK bis zum 80iger Jahre 300SL der Baureihe R107 reichen

Der Mercedes-Benz-Classic Index lässt sich vertikal segmentieren. So lässt sich das Interesse nach den unterschiedlichen Epochen messen. Vorkriegswagen, direkte Nachkriegsproduktion, die häufiger gebauten Wagen der späten fünfziger und sechziger Jahre wie 190 SL und Pagoden und eben die “Emerging Classics der Fahrzeuge seit den siebziger Jahren, die teilweise erst dem Gebrauchtwagenstatus entwachsen sind.

Und hier ist auch der Trend erkennbar, der den Mercedes-Benz Classic Index bestimmt. Die Autos der späten Fünfziger und sechziger Jahren haben in den letzten Jahren die 100.000er Grenze durchbrochen und sind nun nicht mehr so leicht erschwinglich. Für die jüngeren Autos interessieren sich auch jüngere Leute und die wollen oder können auch nicht schnell mal ein paar hunderttausend Euro ausgeben.  Jede Generation bevorzugt die Autos, von der sie in der Jugend geträumt hat.

 

Fazit

IMG_3796.JPG

Der Markt für klassische Automobile normalisiert sich. Der Hype ist vorbei. Die hochwertigen Autos haben längst sehr hohe Preise erreicht und der HAGI-Top-Index belegt, dass die Preise sich in den letzten 10 Jahren ungefähr verdreifacht haben. Da tut eine Atempause ganz gut auch wenn die zurückgehenden Umsätze manche Existenz als Händler bedrohen mögen.

DSC02875.JPG

Auch dass jüngere Autos bedeutender werden, ist keine Sensation. Im Focus der Interessenten standen immer die Traumwagen der eigenen Jugend. Und die werden nicht im Schnitt jünger. Der Markt wird immer von den 40-60 Jährigen dominiert. Die Kinder sind von der Payroll und das Reihenhaus ist abbezahlt. Da bleibt trotz der Steuerprogression plötzlich was für einen automobilen Klassiker übrig. Aber eben ein Auto, an dessen Scheibe sich man sich in seiner Jugend auf der Straße die Nase plattgedrückt hat.

 

Mit dem April-Index und nach der Technoclassica berichten wir hier über die Marktentwicklung weiter.

Foto Credits: Titel BMW Classic/Uwe Fischer. Rest ccj

 

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s

Blog at WordPress.com.

Up ↑

%d bloggers like this: